Kommentar: 3. Februar 2007,

Kommentar: Bill Gates und sein Reality Distortion Field

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Was tut der Mensch, wenn er sehr, sehr verzweifelt ist? Richtig, er redet sich die Lage schön. Das ist ein psychologisch durchaus sinnvoller Schutz-Mechanismus, schließlich würden wir sonst wohl alle in Dauerdepressionen verfallen. Aber: Ab und an tut eine kleine Dosis Realitätssinn ganz gut. Zum Beispiel, wenn man sich als Noch-Kanzler am Abend der verlorenen Wahl nicht selbst um Anstand und Würde krakeelen will. Doch wenn man von Kameras und Mikrofonen umzingelt ist, dann vergisst man wohl leicht das PR-Einmaleins, so auch Bill Gates.

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Diese Woche, als die amerikanische Newsweek, immerhin zweithäufigst rezipierte Wochenzeitschrift der Welt, Bill Gates zu Windows Vistas unübersehbarer Verwandtschaft mit Mac OS X befragte. Da drehte Mr. Microsoft den Spieß einfach mal um:

„I mean, it’s fascinating, maybe we shouldn’t have showed so publicly the stuff we were doing, […]. Let’s be realistic, who came up with [the] file, edit, view, help [menu bar]?“
Bill Gates

Gute Frage, wer hat’s denn eigentlich erfunden? Nun, die Anfänge grafischer Benutzeroberflächen lassen sich wohl auf Experimente Ende der 70er in der Entwicklungs-Abteilung von Xerox zurückführen. Doch wirklich praxistauglich waren diese frühen Ansätze nicht. Ganz im Gegensatz zu dem System, mit dem 1984 die ersten Macs ausgeliefert wurden.

Genau – mit File, Edit, View und zum ersten Mal einer Menüleiste, so wie wir sie heute kennen. Übrigens, Windows 1.0 kam Ende 1985 in den Handel. Der Rest ist Geschichte.

Nachdem sich Gates im Gespräch mit dem Newsweek-Redakteur erst einmal warmfabuliert hatte, hielt ihn nichts mehr davon ab, mit den ganz großen Irrtümern der Computergeschichte aufzuräumen. Nicht der PC, sondern der Mac sei die Mutter aller Sicherheitslücken.

„Nowadays, security guys break the Mac every single day. Every single day, they come out with a total exploit, your machine can be taken over totally.“
Bill Gates

Nun, bei wohlwollender Interpretation mag sich Gates auf den kürzlich stattgefundenen Month of Apple Bugs bezogen haben, während dem tatsächlich einige Schwachstellen im System bekannt gemacht wurden. Von einem Exploit, mit dem das ganze System gekapert werden kann, sprachen aber nicht einmal die Initiatoren, die bekanntlich alles andere als aufmerksamkeitsscheu waren.

Keine Frage, fair geht vor: Auch wenn sich der Wow-Effekt bisher in Grenzen hält, es gab sicherlich schon schlechtere Produkte mit Windows-Logo. Und ja, auch Apple hat nicht jedes Rad neu erfunden. Aber wenn man in Redmond den nächsten Marketing-Feldzug plant, sollte man vielleicht jemanden fragen, der sich damit auskennt. Was macht eigentlich Steve Ballmer?

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 4 Kommentar(e) bisher

  •  Dito (3. Februar 2007)

    Na ja der Herr Gates ist halt schon ein bisschen in die Ecke gedrängt, es fehlt nur noch das „aber, aber er hat angefangen“. Naja wenn einem in jedem Interview dauernd vorgeworfen wird, dass man doch kopiert habe, würde jeder anfangen zu schwanken, geht einen bestimmt auf die Nerven, dass man irgendwann nur versucht da raus zu kommen, auch wenn die Vorwürfe durchaus gerechtfertigt sind.

  •  tl (3. Februar 2007)

    Denkwürdig ist in diesem Zusammenhang auch der Aspekt, dass sich die Kopiervorwürfe gegen Microsoft immer auf Mac OS „Tiger“ beziehen. Ein System das seit einigen Jahren zuverlässig läuft und wirklich keine Neuerscheinung (wie Vista) ist. Gar nicht auszudenken wie Bill Gates reagieren wird, wenn „Leopard“ in die freie Wildbahn entlassen wird. Introducing Vista 2.0.

  •  foo (3. Februar 2007)

    Also, die Benutzeroberflächen von Xerox waren 1984 erheblich praxistauglicher als Mac OS 1.0. Schon vergessen? Der erste Mac hatte mal gerade 128 Kbyte RAM und die ersten Anwendungen hatten gerade mal Demo-Character. MacPaint? Ha. Xerox verkaufte zu dem Zeitpunkt schon komplette Bürosysteme mit komplexen grafischen Anwendungen und diverse andere GUI-basierte Anwendungen.

    http://www.digibarn.com/friends/curbow/star/index.html

    Apple hatte die Vision verstanden und Mac OS daraus abgeleitet – aber eben auch sehr viel eigene Arbeit eingebracht.

    Bill Gates kann da fast nichts für sich beanspruchen. Microsofts herausragendster Beitrag war vielleicht ‚Bob‘. ;-) Erinnert sich noch jemand an ‚Bob’? Welche Innovationen in Benutzeroberflächen kommen denn von Microsoft? Ein Suchhund und eine sprechende Büroklammer fällt mir da mal gerade ein.

    http://www.winhistory.de/more/bob/bob.htm

  •  ml (3. Februar 2007)

    Etwas zum Thema Fairness: Funktionen wie z. B. die Metadaten-basierte Suche oder Vektor-basierte auflösungsunabhängige Benutzeroberfläche hat Microsoft bereits vor Mac OS X Tiger in frühen Versionen von Vista gezeigt. Inwiefern Apple damals schon an ähnlichen Technologien gearbeitet hat oder sich hat „inspirieren“ lassen, kann man nur spekulieren, denn Apple spricht selten über die internen Entwicklungen. Apple hat es allerdings geschafft, diese Technologien wesentlich schneller als Microsoft auf den Markt zu bringen.


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