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Veröffentlicht am  7.10.08, 17:47 Uhr von  

Über das Für und Wider der Leserreporter

AktieEs gibt Geschichten, über die stolpert man zufällig. In diesem Falle war es ein Link im Twitter, auf den ich klickte. Es war Freitag nachmittag, und auf der verlinkten Seite stand das Gerücht, Apple-Chef Steve Jobs sei mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert worden. Veröffentlicht wurde das Gerücht auf iReport, dem CNN- Bürgerjournalismusportal. Trotzdem wollte ich es nicht so ganz glauben. Und lag damit offensichtlich goldrichtig, denn die “Information” wurde nur Stunden später von Apple aus dem Weg geräumt und seitens CNN offline genommen.

Kurze Zeit nach Veröffentlichung der angeblich “sehr verlässlichen” Informationen gab der Apple-Aktienkurs um knapp 10% nach. Erst nach Apples offiziellem Statement dazu konnte der ganzen Geschichte der Saft abgedreht werden und der Kurs erholte sich bis zum Abend wieder. Mittlerweile wird seitens der United States Securities and Exchange Commission, die sich um die Kontrolle des Wertpapierhandels kümmert, nach dem Urheber der Nachricht gesucht.

Auf iReport kann jeder einen Artikel schreiben und direkt veröffentlichen, solange er nur eine Mailadresse angibt. Entsprechend sind Fehler und Falschmeldungen nur schwer nachvollziehbar und Autoren können nur in den seltensten Fällen zur Rechenschaft gezogen werden. Da iReport in direktem Zusammenhang mit CNN gesehen wurde, wurde den Informationen offenbar noch zusätzlicher Wert zugesprochen, obwohl offizielle Statements fehlten. Wäre die Nachricht nur via Twitter oder ähnliche Quellen gekommen, hätte das wohl anders ausgesehen. Dass auf iReport nur all jene Stories, die offiziell bestätigt sind, ein bestimmtes Label von CNN bekommen, sei dabei mal ganz außen vor gelassen. Das besonders Perfide an dieser konkreten Nachricht ist ohne Frage der negative Effekt auf den Aktienkurs.

Was diese Geschichte eindrucksvoll zeigt ist die immer stärker gewordene Macht des “Graswurzeljournalismus”. Bei iReport kann jeder ungeprüft und ungefiltert Nachrichten in die Welt setzen, und mangels irgendeiner Form von Endredaktion gehen so Informationen an die Öffentlichkeit, die nicht immer der Wahrheit entsprechen. Und gleichwohl sich iReport die Maxime “Unedited. Unfiltered. News.” auf die Fahne geschrieben hat, ist das in diesem Fall eher zum Verhängnis geworden. Und stellt die Glaubwürdigkeit von nutzergenerierten Inhalten wieder einmal in Frage. Und stellt auch die Leser solcher Portale vor die Aufgabe, die dort zur Verfügung stehenden Inhalte nicht immer sofort zu glauben. Nicht umsonst gibt es im Journalismus die Maxime “Eine Quelle ist keine Quelle”.

Im Umkehrschluss muss man sich außerdem die Frage stellen, inwiefern CNN es sich leisten kann, mit einem Leserreporter-Portal im Zusammenhang zu stehen, über das solche Falschmeldungen vertrieben werden. Zwar bekommen nur Stories, die offiziell bestätigt sind, ein bestimmtes Label vom Sender, aber darauf achtet im Zweifelsfall niemand. Wie offensichtlich auch bei dieser Geschichte.

Die schöne neue Internetwelt, in der Sender und Rezipienten von Nachrichten zunehmend gleiche Möglichkeiten haben, wollen wir alle nicht missen. Ein Universalrezept gegen die Missbrauchsmöglichkeiten ist jedoch noch nicht in Sicht bzw. ordentlich realisiert. Und ob es nun ein Zufall oder gar Vorsatz war, dass das Gerücht um Jobs’ Krankheit verbreitet wurde, wollen wir jetzt mal außen vor lassen- auch wenn außer Frage steht, dass an dem Aktienkursausrutscher sicher einige etwas verdient haben.

Das Internet ist ein schnelles Medium – und gerade deshalb sollte man vorsichtig auf “Breaking News” reagieren. Sowohl Leser als auch Journalisten sollten nicht alles für bare Münze nehmen, was auf irgendwelchen Kanälen durchsickert. Dafür müssen aber alle ein wenig mitmachen. Das schöne, immerhin: Sie können alle mitmachen. Wenn man alle Möglichkeiten ausschöpft, kann das mit dem Graswurzeljournalismus vielleicht doch noch klappen.

 Und wie ist deine Meinung?  Schreib uns einfach!

 2 Kommentar(e) bisher

  •  vandit sagte am 7. Oktober 2008:

    Gefühlte 100 Zeilen für Informationen, die man auch in 10 Zeilen hätte verpacken können. Zweifelsohne ein angenehmer Schreibstil, leider nur sehr langathmig und langweilig (!), bei so viel Worten und so wenig eigentlichem Inhalt.

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  •  Jan sagte am 7. Oktober 2008:

    Um mal zur inhaltlichen Kritik zurückzukommen:

    Ein interessanter Punkt auf den du zurecht hingewiesen hast ist die Wirkung solcher „benutzergenerierten Enten“ aus hauseigenen Plattformen für eine Medienmarke, die auf Qualitätsjournalismus setzt. Inzwischen scheint es ja zum guten Ton zu gehören, als großer Sender oder Verleger eine eigene News-Community zu haben. Ich halte die Verknüpfung solch unterschiedlicher Angebote unter einer Marke für ziemlich riskant. Eine Newscommunity ist zunächst einmal eine technische Plattform für die Benutzer, und kein journalistisches Angebot. Im besten Fall sorgt eine Redaktion für die Einhaltung eines formalen Rahmens, viel mehr (wie bspw. eine inhaltliche Überprüfung) ist bei der Ausrichtung als Massenplattform natürlich nicht machbar.

    Obwohl ich den News-Communities nicht ihre Legitimation absprechen möchte, bin ich ob ihres Nutzens als verlässliche Informationsangebote doch ziemlich skeptisch, zumindest in der derzeit verbreiteten Form. Ich halte auch das Prinzip der automatisierten Selektion, die allein auf der statistischen Auswertung des Massengeschmacks basiert für ziemlich fragwürdig. Das ist in ungefähr das, was die BILD-Zeitung durch Antizipation zu erreichen versucht. Und: Im Internet mag zwar jeder sowohl als Sender als auch als Rezipient auftreten können. Journalisten und Rezipienten haben jedoch eben nicht die gleichen Möglichkeiten, Inhalte zu recherchieren und aufzubereiten, wie gerade du mir sicher zustimmen wirst.

    Das alles hat für mich jedenfalls wenig mit Graswurzeljournalismus zu tun – was aber nicht heißt, dass ich im Internet mit seinen kollaborativen Techniken und der Aufhebung des Sendungsmonopols nicht auch riesige Chancen für eine demokratischere Informationsgesellschaft sehe. Bürgerjournalismus kann im Internet gut funktionieren, wie man beispielsweise bei einigen tollen, privat betriebenen Fachblogs sieht. Und auch spezialisierte Newscommunities mit funktionierenden Reputations-Mechanismen (wie es sie ja indirekt auch in der Blogosphäre gibt) können gut funktionieren. Aber es reicht halt nicht, „wenn alle ein wenig mitmachen“. Das redaktionelle Konzept muss stimmen, einfach ne Plattform liefern und auf die Weisheit der Massen [sic] hoffen ist… blöd.

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