MACNOTES

Veröffentlicht am  20.02.10, 13:51 Uhr von  

AOL-Revival, der Tod der URL und Apples Rolle

URL-Tod und AOLisierungSie riecht noch nicht komisch, aber dass die URL augenblicklich ein wenig kränkelt, ist nicht nur angesichts der Appflut eine naheliegende Vermutung. Apple trägt seinen Anteil an der aktuellen AOLisierung des Internet: “Theres an App for that” gilt immer häufiger für Anwendungen, die auch bestens im Browser aufgehoben wären. Der Trend geht weg vom weit vernetzten Web hin zu zahlreichen Inselangeboten, die in der Regel von den üblichen Big Playern stammen. Das WWW als eine App unter vielen scheint heute wieder in der Position zu sein, wie man sie von Onlinediensten der 90er kannte. Nur scheint das Prinzip heute erfolgreicher zu funktionieren.

Wireds Demo einer möglichen iPad-App zeigt schon, wo es hingehen könnte: eine durchaus beeindruckende Applikation, deren Features indessen auch via Browser umsetzbar wären. Stattdessen wählt man die separate App. Diese bietet natürlich mehr Möglichkeiten, Nutzungen einzuschränken bzw. nur gegen Bezahlung freizuschalten, und weiter ist das Verlassen des Wired-Angebots eben keinen Mausklick, sondern immerhin einen App-Wechsel weit weg. Und damit sind bereits die beiden Haupttrends genannt: App statt URL (eine Entwicklung, an der Apple maßgeblichen Anteil hat), sowie die zunehmende Abschirmung des Users vor dem bösen Rest-Internet (wofür Apple weniger kann).

Was Wired demonstriert, sieht definitiv schöner aus als die Interfaceunfälle, mit denen sich Kunden von AOL und anderen Online-Diensten in den 90ern herumschlagen mussten. Im Endeffekt ist das zugrundeliegende Prinzip jedoch dasselbe: Statt einer “Universalmaschine Browser” werden dem User eine ganze Batterie von “Spezalmaschinen” präsentiert, die alle auf ihre Art den Medienzugriff möglichst beschränken. Der universale Zugriff auf Webinhalte wird einerseits immer mehr versteckt, andererseits scheint er immer weniger gewünscht. Zudem fallen die lästigen Begleiterscheinungen des “Standardbrowsers” – Möglichkeit für lokale Kopien, Quelltextansicht etc. – auf der App-Ebene in der Regel weg.

[singlepic id=6697 w=250 float=left] In jenen Apps, die tatsächlich insbesondere den Zugriff auf ansonsten vollkommen “webfähige” Inhalte ermöglichen, ist das besonders deutlich. Auch im Web selber ist das “Abkapselungsbestreben” der Contentanbieter schon lange präsent – das beginnt bei der gern gepflegten Aversion gegen externe Links, setzt sich fort mit den “Zwischenseiten”, auf denen das Verlassen einer Site nochmals bestätigt werden soll bis hin zum Einbinden externer Inhalte über Framesets, wie man es beispielsweise von manchen Personensuchmaschinen oder Google Translate kennt. Ende 2009 trug Chris Messina viele Indizien dieser Art zusammen, die auf die zunehmende Randständigkeit der URL hindeuten – teils alt, teils neu.

Apple, der Verstärker…

[singlepic id=6695 w=250 float=right] Der Hype um die Apps befördert diesen Trend natürlich aufs effektivste und verschafft ihm eine technisch passende Plattform – denn in einer App ist ohnehin in der Regel nur der Content des Anbieters. Die “App-Metapher” auf dem Desktop tut ihr Übriges – unter der App-Auswahl eines iPhone oder iPod ist “das Web” nur eine (visuell gleichberechtigte) Wahl unter anderen. Und natürlich weckte Apple mit iPhone, iPad und Co. die Begehrlichkeiten all jener, die bereits vor der Jahrtausendwende angesichts des kostenlosen Contents im Web die Hände über dem Kopf zusammenschlugen. Eine zweite Chance, bei der man den Fehler vermeiden möchte, freien und kostenlosen Zugang zu Inhalten zum Standard zu machen?

…und ausgerechnet Google

Den Suchgiganten darf man in dieser Frage nicht vergessen – denn auch Google neigt vermehrt dazu, das Netz nicht nur metaphorisch zu vereinnahmen. Beginnend mit Vorschauen auf SERPS über die Frame-Einbindungen anderer Webseiten bis hin zu Buzz, das paradoxerweise sowohl Linkschleuder ist als auch potentieller Grund, Googles Angebote gar nicht mehr zu verlassen – Dienste und Features, die selbstredend alle ihren praktischen Wert haben, schaffen nichtsdestoweniger in der Summe einen Effekt hin zum “Google-Internet”. Auf der Android-Plattform wird diese “Googlisierung” noch etwas drastischer sichtbar. Sukzessive die eigene Insel im Netz baut aktuell auch Facebook, wo die Umarmung externer Inhalte und Plattformen langsam zur Inklusion ebendieser Inhalte und Informationen auf Facebook-Seiten führt, deren Nutzer ihr FB-Universum immer seltener verlassen müssen, werden doch die Inhalte von draußen permanent hereingetragen.

[singlepic id=6698 w=200 float=left] Die Parallelen sind da: früher boten AOL, Compuserve und Konsorten einen “Onlinedienst” an, der unter anderem auch einen Zugang zum Internet beinhaltete, aber bis hin zu Basismetaphern wie der des Hypertextlinks eigene Süppchen in separaten Töpfchen kochten. Heute tun das die Webgrößen Google und Facebook, heute fördert dies aber auch Apple mit der Metaphorik ihrer Userinterfaces.

Nun ist es nichts Neues, dass der Anteil der “Big Player” am Internetkonsum der User permanent zunimmt. Der Trend wird durch viele Methoden gefördert – begonnen mit den Werbemöglichkeiten über die angesprochene Site-Inzucht bis hin zu Interface-Philosophien. Letzteres auch auf Kosten der Useability, denn Apps skalieren weitaus schlechter als URLs. Bookmarkverwaltung ist selten eine reine Freude, aber selbst die Standardlösungen der Browser skalieren bei wachsender Linkzahl weitaus besser als eine Reihe iPhone-Screens voller App-Icons. Auch mehr Platz auf dem iPad-Desktop wird daran nichts ändern.

Gegentrends?

Die existieren selbstverständlich auch – der Linkschleudercharakter von Buzz wurde schon genannt, selbiges gilt für (das in vielen Apps umgesetzte) Twitter. Augmented-Reality-Apps scheinen von so etwas wie der Pflicht zur Wikipediaverlinkung heimgesucht zu sein – es gibt Anwendungsfälle in der “Appisierung” des Internet, bei denen Links in Kontexten erscheinen, in denen man sie sich noch vor wenigen Jahren nicht bzw. kaum vorstellen konnte. Zu guter Letzt: trotz aller “Inkludierung” sind Google und Facebook nach wie vor die größten “Verteilerknoten” im Netz, die User auf externe Seiten weiterleiten (wobei die jüngst von Facebook in manchen Sparten errungene Spitzenposition zeigt, dass dieser Zustand ein höchst dynamischer ist).

Darüber hinaus ist die Vorannahme willkürlich, diese Prozesse negativ zu bewerten und die “Universalmetapher” Netz den “Spezialmetaphern” Buch, Magazin, etc. vorzuziehen. Die Metaphern eines iPad sind definitiv näher an der Lebenswelt der meisten Menschen und schaffen somit auch Zugänge, die es anders nicht in diesem Maß geben würde.

Schlussfolgerungen?

Es ist schwierig, mit dem Finger auf konkrete Akteure der “AOLisierung” zu zeigen – denn schließlich stehen die meisten Möglichkeiten zur gepflegten Netznutzung auch auf Apples Plattformen zur Verfügung (sieht man von Flash ab). Die Entscheidung zwischen App, Webangebot oder beidem bleibt den Contentanbietern überlassen, und diejenige der Nutzung wiederum den Usern. Dennoch summieren sich aktuell viele Faktoren – die Einstiegshürden in Sachen Apps, die Prominenz der Platzhirsche auf den Interfaces, den Startscreens und in den Default-Einstellungen. Einschränkungen der Wahlfreiheit entstehen bei proprietären Lösungen trotzdem durch die immense Gruppendynamik – viele Netzuser werden alleine mit Email nicht mehr den asynchronen Kontakt zu den Freunden pflegen können, die dafür nun diverse Social Networks nutzen. Darüber hinaus sind die neuen Optionen für die Anbieter attraktiv – die “Appisierung” des Internet ist die Chance schlechthin, Inhalte besser zu monetarisieren, die während des ersten Dotcom-Hypes um die Jahrtausendwende noch mit den gegebenen Mitteln frei ins Web gestellt wurden. Hierzu angemerkt: wenn mit hochwertigem Content auch jenseits von Werbeplätzen Verdienstmöglichkeiten entstehen, kann das dem Medienangebot auch durchaus guttun.

In den 90ern versuchten besagte Onlinedienste für lange Zeit, ihre eigene Parallelwelt zum “richtigen Internet” zu schaffen. Der Erfolg blieb mittelfristig aus, die Mittel, mit denen er erreicht werden sollte, wurden von Alvar Freude und Dragan Espenschied 2001 im Rahmen einer auch in anderer Hinsicht nach wie vor hochaktuellen Arbeit beschrieben. Fünfzehn Jahre später sieht die neue “AOLisieriung” immerhin nicht mehr wie AOL aus. Das Prinzip unter der schicken Oberfläche schon viel eher.

(Alvar, thx für die Screenies.)

 Und wie ist deine Meinung?  Schreib uns einfach!

 15 Kommentar(e) bisher

  •  @macinplay sagte am 20. Februar 2010:

    Schöner Artikel bei den Kollegen von @Macnotes: AOL-Revival, der Tod der URL und Apples Rolle http://macnot.es/32939

    Antworten 
  •  @bestatter_rt sagte am 20. Februar 2010:

    RT: @macinplay: Schöner Artikel bei den Kollegen von @Macnotes: AOL-Revival, der Tod der URL und Apples Rolle http://macnot.es/32939

    Antworten 
  •  @simonnickel sagte am 20. Februar 2010:

    AOL-Revival, der Tod der URL und Apples Rolle: http://macnot.es/32939

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  •  XPert sagte am 20. Februar 2010:

    Wenn ein solches Programm als eine Art “Filter” genutzt werden könnte um nur seriöse Quellen hervorzuheben könnte das für den “oberflächlichen” Benutzer, der nur auf der Suche nach neuen Nachrichten, dem Wetter, Flügen oder sonst etwas ist durchaus eine begrüßenswerte Entwicklung sein.
    Ich glaube aber nicht, dass eine App bei spezielleren Problemen das gleiche leisten kann wie eine Suchmaschine..

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  •  @ginotodesco sagte am 20. Februar 2010:

    Interessanter Trend: AOL-Revival, der Tod der URL und Apples Rolle: http://macnot.es/32939

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  •  Ein Leser sagte am 20. Februar 2010:

    “Darüber hinaus sind die neuen Optionen für die Anbieter attraktiv – die “Appisierung” des Internet ist die Chance schlechthin, Inhalte besser zu monetarisieren, die während des ersten Dotcom-Hypes um die Jahrtausendwende noch mit den gegebenen Mitteln frei ins Web gestellt wurden.”

    Auch die “Appisierung” des Internets wird z.B. für die Zeitungsverleger auf Dauer keine Wende zum Besseren bringen. Es wird auch im “appisierten” Internet eine E-Bay App geben, die mit den Verlegern um die Kleinanzeigen konkurriert. Es wird über Kurz oder Lang eine Free-News App geben, welche die Webseiten der ARD oder der BBC automatisiert abgrast (sofern das überhaupt notwendig ist, denn einen Browser haben alle ITunes Clients von Apple eh an Bord) und es wird ganz sicher eine werbefinanzierte News App geben.

    So lange Apple kostenlose oder werbefinanzierte Angebote nicht explizit aus dem AppStore ausschließt oder den Webbrowser nicht von seinen ITunes Clients entfernt, wird sich für die Printindustrie im Kern nichts ändern.

    Ein Leser

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  •  Tice sagte am 20. Februar 2010:

    Zurück zu mehr Kontrolle. Das versuchen momentan alle. Nicht nur die Apps, das ganze “Cloud”-Gerede geht ja nur um die Abgrenzung gegen andere. Mobile Me, Me, iPhone, Google Mail, Buzz, Nexus One, … Inkompatibilität mit den anderen (weg von SyncML z.B.) ist ein nerviger Trend.

    Seltsamerweise machen viele diese Nummer mit. Lassen sich Zwangsbeformunden durch “App Stores”, dessen Programme wie die ihres Rechners genauso gut aus dem offenen Netzt kommen könnten, gehen Zwangs-Ehen mit Providern ein (AT&T, Telekom,…) und zahlen noch brav dafür.

    Mein Trost. Wenn irgendwas zu teuer wird zieht die Herde meist weiter und hinterlässt die leere Hülle, wie kürzlich ja auch mit AOL geschehen.

    Antworten 
  •  @langnickel sagte am 21. Februar 2010:

    RT @simonnickel: AOL-Revival, der Tod der URL und Apples Rolle: http://macnot.es/32939

    Antworten 
  •  Otmar sagte am 21. Februar 2010:

    Vom Trend zu sprechen halte ich noch etwas verfrüht. Ein schönes Tablett-Demo beweist noch keinen Markterfolg. Erst der Benutzer entscheidet, wie viel mehr Geld er für mehr “Eleganz” in der Darstellung und Bedienung ausgeben will.

    Außerdem sind mobile Anwendungen nicht das Internet. Wir müssen uns auf völlig neue Darstellungs-, Bedienungs- und Kommunikationsformen bei mobilen Geräten einstellen.

    Zudem, das Smartphone ist ein Telefon und kein Computer. Was das iPad oder Tablett sein wird, wissen wir noch nicht. Fest steht, mobile Geräte werden lokal, vom Ort unabhängig genutzt und sind ständig mit dem Internet verbunden. Das eröffnet völlig neue Märkte, die wir heute nur im Ansatz sehen.

    Kein Wunder, dass alle Marktteilnehmer maximal an diesem Kuchen teilhaben wollen. Gerade deswegen rechne ich nicht damit, dass “geschlossene” Systeme auf Dauer gewinnen können.

    Benutzer ziehen langfristig und – wie wir gesehen haben – in der Summe kostengünstige offene Systeme vor.

    Otmar Cuerten
    California – http://keshoo.com

    Antworten 
  •  @StefanHH sagte am 21. Februar 2010:

    interessante Gedanken und nicht ganz unrichtig: AOL-Revival, der Tod der URL und Apples Rolle: #macnotes #aol http://macnot.es/32939

    Antworten 
  •  rj sagte am 21. Februar 2010:

    Ums zusammenzufassen: die Argumente leuchten (insbesondere bezogen auf die “Einzelbeispiele”) ein, aber zwei Einwaende:zum einen denke ich, dass mobile Anwendungen eben durchaus ein wachsender Teil “des Internet” sind bzw. sein werden, Netz 3.0 meinetwegen, und die eben ein immer größeres Stück Kuchen ausmachen. Was ich durchaus begrüße, das ist ja auch viel feiner Kram, der da passiert. Nur wird er halt insbesondere von den big playern gepusht werden.

    Dass sich die “plattformübergreifenden” und insbesondere offenen Formate durchsetzen, halte ich für ein Gerücht bzw. sympathisches Wunschdenken. Apple hats mit iTunes vorgemacht. Das ist alles andere als “offen”, vergleicht mans mit amazons mp3-Shop, trotzdem aber Marktführer (und so wirds wohl auch bleiben). Erinnert sich noch jemand an die “Rip, Mix, Burn”-Kampagne von Apple? Kommts nur mir ein wenig wie der Hohn vor, wenn seitdem “iTunes-Alternativen” ein paar mit der Rechtskeule übergezogen kriegten und die Erweiterung auf Apps, Mags etc. derbst proprietär und mit weitgehender Beliebigkeit von Apples Gnaden reguliert ist?

    Auf was ich rauswill: ich glaube nicht, dass wir grade von einer Entwicklung reden, die am Anfang steht und die mit dem iPad zeigen wird, ob sie von Bestand ist oder halt mal wieder eine kleine Welle im Ozean der Tech-Moden. Sondern eher von einem bei Apple durchaus seit einigen Jahren bewährten Konzept, das sie halt weiter betreiben, ausbauen und erfolgreich vermarkten. Wobei letzteres ja auch zeigt, dass es ganz offensichtliche Vorteile hat, weil es hat ja auch durchaus mit Nutzerfreundlichkeit und Einfachheit zu tun, das ist ja nicht alles ein Ergebnis guter Werbekampagnen, mit denen irgend ein Müll unters Volk gebracht wird. Aber die Einfachheit hat halt ihren Preis.

    Antworten 
  •  Otmar sagte am 22. Februar 2010:

    Das geniale an Apple Produkten ist, dass sie neben dem besten Styling, die beste Funktionalität bieten. Das mögen Menschen einfach. Und bisher hat das niemand übertroffen. Hut ab und Gratulation.

    Wer das kann, kann sich solange im geschlossene System sonnen, bis einer kommt der’s besser macht. Oder wenn einer kommt der was ganz anderes macht.

    Sehe derzeit nur Google oder Amazon, die von der Größe mithalten könnten. Keiner zeigt jedoch bisher die Genialität von Apple. Beide produzieren genug Wettbewerb, damit Apple sich nicht zu sehr abkapseln kann.

    Otmar Cuerten
    California – http://keshoo.com

    Mehr über URL auf http://www.macnotes.de

    Antworten 
  •  @Gigatoreador sagte am 23. Februar 2010:

    RT @Macnotes: AOL-Revival, der Tod der URL und Apples Rolle http://macnot.es/32939

    Antworten 
  •  @lornz_bs sagte am 23. Februar 2010:

    RT @Macnotes: AOL-Revival, der Tod der URL und Apples Rolle http://macnot.es/32939

    Antworten 
  •  Ludwig sagte am 9. Mai 2010:

    Eine wirklich tolle weiterführende Präsentation zu dem Thema wurde auf der republica gehalten: http://bit.ly/a4nMv9 – “Das Internet ist dezentral und andere gefährliche Mythen”

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