MACNOTES

Veröffentlicht am  2.07.10, 11:43 Uhr von  rj

Foxconn mutiert zum Skandalhersteller: Kaum Besserung in der Berichterstattung

AppleEher von der BILD kennt man die Terminologie, die Spiegel Online in seiner letzten Meldung zum chinesischen Hersteller Foxconn verwendete. Die Zwangspraktika, die in der Provinz Henan für Schüler vorgesehen sind, müssen unter anderem beim “Skandalhersteller Foxconn” abgeleistet werden. Der eigentliche Skandal dürfte sein, dass nach wie vor nirgends die Selbstmordquote bei Foxconn in eine Relation gesetzt wird – denn sie liegt unter dem chinesischen Durchschnitt.

Stattdessen nimmt der Spiegel die Zwangspraktika, die in der chinesischen Provinz Henan von der dortigen Provinzregierung eingeführt wurden, zum Anlass, einmal mehr Foxconn als herausragendes Negativbeispiel chinesischer Produktionsbedingungen und expliziten Apple-Zulieferer hinzustellen. Das “für seine scharfe Disziplin” bekannte Unternehmen stehe im “Mittelpunkt” der Regierungsanordnung, billige Chinesen ermöglichen laut Spiegel günstige “T-Shirts, iPods oder Nintendo-Spiele”.

Auch anderswo sind die unter dem statistischen Mittel (nicht nur) Chinas liegenden Selbstmordquoten unter den Foxconn-Beschäftigten immer noch eine “Serie von Selbsttötungen” bzw. “zahlreiche Suizide” oder eine “Selbstmordserie“.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der linke “Freitag” als Einziger Ansätze einer differenzierten und teilweise durchaus positiven Sichtweise auf die in der Tat unbestreitbar schlechten Produktionsbedingungen und der Vorgänge bei Foxconn und anderswo erkennen lässt. Nicht nur mit der nach wie vor seltenen Erwähnung der anderen Unternehmen, für die Foxconn produziert, fällt der Freitag auf. Dass unter anderem auch in Werken von “…Honda, Hyundai und Toyota” für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt wird, ist an den restlichen Medien weitgehend vorbeigegangen.

Erstaunlich – wenn man bedenkt, dass das einzige nachvollziehbare Motiv für eine Skandalisierung der Foxconn-Verhältnisse darin liegt, anhand eines Musterbeispiels allgemeinen Mediendruck auf die “Fabrikhalle der Welt”, China, auszuüben. Dass es nicht um eine Verbesserung der chinesischen Arbeitsbedingungen geht, die eine aufmerksame Medienöffentlichkeit durchaus fördern kann, zeigen die jüngsten Publikationen erneut. Stattdessen scheint es nach wie vor eine auflagenstärkende Strategie zu sein, im Zusammenhang mit Apple von “Skandalherstellern” zu reden und die Hintergrundinformationen wegzulassen. Die könnten die schöne Skandalstory ja verderben.

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 24 Kommentar(e) bisher

  •  mactom sagte am 2. Juli 2010:

    Was ist Spiegel Online?

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  •  jmmappleworld sagte am 2. Juli 2010:

    Die lernen es nie. Meine Theorie: Die Redakteure vom Spiegel haben bemerkt, dass immer mehr Menschen Apples Geräte nutzen und möchte durch vergraulen potentieller Neukunden die Exklusivität waren. ;-)

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  •  WTF sagte am 2. Juli 2010:

    “Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der linke “Freitag” als Einziger Ansätze einer differenzierten und teilweise durchaus positiven Sichtweise auf die in der Tat unbestreitbar schlechten Produktionsbedingungen und der Vorgänge bei Foxconn und anderswo erkennen lässt.”

    Wo liegt denn da bitte die Ironie? Guter, linker Journalismus zeichnet sich doch gerade durch eine differenzierte Betrachtung aus.
    SPON ist halt SPON. Wer da seriösen Journalismus erwartet, kann sich immer wieder aufregen. Der Rest weiß, was er von deren Output zu halten hat, nimmts gelassen zur Kenntnis oder ignorierts

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  •  Captain sagte am 2. Juli 2010:

    hallo und einen schönen guten tag,

    bitte mal sachlich bleiben: wie kann man es bitte verantworten, die selbstmord-quote in ganz deutschland, ganz china oder sonstwo mit der selbstmordquote innerhalb einer einzigen (!) firma innerhalb eines vierteljahres (!!) zu vergleichen? gleiche demographische basis? wohl kaum. gleicher zeitraum? wohl auch nicht.

    differenziert? bitte mehr davon. unsachlich? nein, danke.

    grüße vom captain

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  •  rj sagte am 2. Juli 2010:

    Die Ironie ist in meinen Augen die Geschichte, dass linke Medien tendenziell eher schlechte Arbeitsbedingungen und Ausbeutungsverhältnisse anprangern. Dass SpOn eben das Onprangering erledigt, weil ist ja was über Apple, und dann eben der freitag statt eben desen (durchaus auch zurecht möglichen und begründbaren) Anprangerns der chinesischen Arbeitsbedingungen eben einen Bericht über positive und emanzipatorische Bewegungen in der chinesischen Arbeiterschaft bringt… ich seh deinen Punkt, klar, ich stimm dir auch bei, aber ironisch find ichs trotzdem :)

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  •  rj sagte am 2. Juli 2010:

    Captain, das ist überhaupt kein Problem, wenn man dieselben Vergleichsgrößen errechnet – Selbstmorde pro Jahr auf 100.000 Personen. Wo liegt das Problem?

    (ja, ich hab meine Statistik gelernt und weiss auch, wie man damit bescheisst. Aber ist hier überhaupt nicht nötig bzw. passierts woanders.)

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  •  @bopacasi sagte am 3. Juli 2010:

    RT @Macnotes: Foxconn mutiert zum Skandalhersteller: Kaum Besserung in der Berichterstattung http://macnot.es/43203

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  •  Tomtom sagte am 5. Juli 2010:

    Nur weil in dem einem KZ weniger Juden getötet wurden als in dem anderen kann man auch nicht sagen, es sei besser gewesen. Ähnlich ist es mit Foxconn, selbst wenn das die Berichterstattung nicht seriöser macht.

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  •  rj sagte am 5. Juli 2010:

    Ein Musterbeispiel.

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  •  hase sagte am 5. Juli 2010:

    aber kann man denn die “selbstmordquote” einer firma mit der eines landes überhaupt vergleichen? nicht, dass ich da experte wäre, aber m.E. sind häufige motive für suizid eine gewisse perspektivlosigkeit oder das gefühl nicht gebraucht zu werden, d.h. die quote dürfte unter menschen die eine aufgabe haben, z.b. arbeit, niedriger sein. müsste man also die quote von foxxconn nicht, wenn schon, dann mit der quote aller arbeitnehmer eines landes vergleichen?

    unabhängig davon erscheint mir (subjektiv) die berichterstattung über foxxconn keineswegs skandalisierend. kann mich z.b. an keinen artikel in der bild erinnern. über die lohnerhöhung wurde z.b. immer nur prozentual berichtet: 30% mehr klingen in unseren ohren natürlich traumhaft. Wenn man aber bedenkt, dass der monatslohn glaube bei 109 euro/monat lag relativiert sich so eine zahl schnell. und überhaupt, wenn ein unternehmen quasi aus dem stand einfach mal 30% lohnerhöhung ausschütten kann, sieht man doch auf wessen kosten da gewirtschaftet wird…. davon unabhängig ist es mir aber auch aufgefallen, dass in den berichten sehr oft nur sehr undifferenziert von “apple-hersteller” oder “apple-zulieferer” die rede war.

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  •  jmmappleworld sagte am 5. Juli 2010:

    @rj Dann ueberreiche mal @TomTom den Punkt^^

    ____________
    / 1 Point \
    | Godwin |
    \____________/

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  •  jmmappleworld sagte am 5. Juli 2010:

    Uhhhps… da fehlt ein ich… Ich ueberreiche den Punkt

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  •  Markus sagte am 5. Juli 2010:

    Stimme dem hase absolut zu: Es ist fraglich, ob man diese beiden Quoten (foxconn und China generell) sinnvollerweise überhaupt in einen Zusammenhang bringen kann.
    Und noch viel fraglicher finde ich, ob es nicht sogar zynisch ist, Selbstmorde relativieren zu wollen.

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  •  rj sagte am 5. Juli 2010:

    Hase, man kann. Man kann sogar Äpfel und Birnen vergleichen :)

    Aber im Ernst… in Relation stellen kann man das durchaus, das ist dann in dem Maß aussagekräftig, wie man Rahmeninformationen hat. In .de beispielsweise sind die Selbstmordquoten meines Wissens nach unter Arbeitslosen höher. Ob das in China andersrum ist, weiss ich nicht. Weiter sind die Selbstmordquoten in bestimmten Altersklassen *auch* höher – verlässliche Vergleichszahlen hätte man erst dann, wenn zumindest der Altersschnitt der Foxconn-Arbeiter bekannt wäre.

    Nach wie vor komm ich eben auf eine Zahl von ca. 5 Selbstmorden auf 100.000 pro Jahr, und das ist weniger als die Hälfte des deutschen Durchschnittswerts. ich halte solche Rechnungen nicht für zynisch, schon gar ncht, wenn eben die mediale Anprangerung angelaufen ist. In Deutschland bringen sich in der Altersklasse über 85 mehr als 80 Menschen auf 100.000 jährlich um. Was sagt das über Deutschland aus? ich halte solche Vergleiche für durchaus wichtig und erkenntnisfördernd. Aber da spricht auch der Soziologe in mir :o)

    Ich denke, der “Skandalhersteller” ist schon eine skandalisierende Bezeichnung :) Die sollte man nicht in den Mund nehmen, wenn man eben nichts zu bieten hat, was über Fallzahlen ohne jegliche Vergleichsgröße hinausgeht.

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  •  jmmappleworld sagte am 5. Juli 2010:

    Foxconn ist ja nicht der einzige grosse Zulieferer. Ich glaube, das es bei anderen auch Selbstmorde gibt. Vielleicht mehr, vielleicht weniger. Aber auf Foxconn schaut die Öffentlichkeit, seit sich ein Ingenieur(??) in den Tod stürzte.

    Und die Medien erwähnen Foxconn nur als Zulieferer Apples und vergessen, wer sonst noch beliefert wird.

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  •  Thorsten sagte am 5. Juli 2010:

    Die Replik auf Hases erstes Argument überzeugt. Wiewohl er Recht hat, ist natürlich derjenige, der eine Statistik verwendet – hier um zu zeigen – dass es ein Skandalhersteller ist, beweispflichtig, dass diese aussagekräftig ist.

    Der Rest des Arguments, dass unwürdige Arbeitsbedingungen, insbesondere bei gleichzeitig hohem Profit – mit einem Wort: Ausbeutung immer anzuprangern ist, ist aber auch beachtlich. Das ist wohl auch der sachliche Kern von tomtoms Äußerung, unabhängig davon, ob man die Form für gelungen hält.

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  •  hase sagte am 5. Juli 2010:

    rj, das klingt aber stark nach dem “institut für vergleichende irrelevanz” :D

    Du räumst im ersten Absatz ein, dass verlässliche Vergleichszahlen erst dann gegeben wären, wenn mehr Rahmeninformationen, wie z.B. das Alter der Foxconn-Mitarbeiter, bekannt sind. Das sehe ich auch so. Daher finde ich den Vergleich mit dem “deutschen Durchnittswert” einfach nicht aussagekräftig.

    Ich denke, der “Skandalhersteller” ist schon eine skandalisierende Bezeichnung :) Die sollte man nicht in den Mund nehmen, wenn man eben nichts zu bieten hat, was über Fallzahlen ohne jegliche Vergleichsgröße hinausgeht.

    Ich habe eben nochmal den einen oder anderen Artikel überflogen und bin zu der Aufassung gelangt, dass sich Foxconn die Bezeichnung “Skandalhersteller” durchaus gefallen lassen muß. Es wird auch deutlich mehr geboten, als Fallzahlen ohne Vergleichsgröße: Arbeitszeiten/Lohn, Redeverbot unter Mitarbeitern, millitärische Umgangsformen, das Recht Arbeitnehmer auf Verdacht “einweisen” zu lassen und nicht zuletzt das neuerliche Zwangs-”Praktikum”, das ja anscheinend auch die Umsiedlung in ein anderes Gebiet unproblematischer gestalten soll. Diese Umsiedlung ist geplant, weil die Löhne mittlerweile(!) zu hoch sind und im neuen Gebiet weniger bezahlt werden muß. Zynisch: Wenn man dort dann eventuell 30% Lohnkosten einsparen kann, bliebe von den Gegenmaßnahmen auf die hier relativierte Selbstmordwelle ja praktisch nur noch das Einweisungsrecht und die “Selbstmordverzichtserklärung” übrig.

    Das in anderen Unternehmen ähnliche Umstände herrschen, macht die Sache nur noch trauriger bzw. skandalöser. Ebenso auch die Tatsache, dass heute “Apple” für solche Berichte ein besserer journalistischer Aufhänger ist als “Ausbeutung”.

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  •  rj sagte am 5. Juli 2010:

    hase, ich mag (mit leichten bauchschmerzen, weil eigentlich denk ich, dass wir nah beieinander sind) widersprechen. Ja, man kann mit konkreteren Rahmendaten aussagekräftigere Verleiche machen. Aber ich glaube nicht, dass Unterschiede in dieser Größenordnung nur durch fehlende 80jährige und Arbeitslose zustandekommen.

    Mir gehts aber in erster Linie um die Medienkritik. Wenn Foxconn da als Ausnahme dargestellt wird, dann ist das schlicht katastrophal. Insofern: deinen Schlussabsatz mah ich grade sehr enthusiastisch unterschreiben. In den vorangegangenen Artikeln zum Thema bin ich noch erschöpfender auf die Frage nach *allgemeinen* verbesserungen der Arbeitsbedingungen eingegangen, ich wollts nicht in jedem text als pflicht-Copypaste noch reinhängen.

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  •  hase sagte am 5. Juli 2010:

    rj, danke für die Antwort. Ich steigere mich in solche Sachen sehr schnell rein, daher habe ich mir deinen Standpunkt wohl gedanklich etwas zurechtgebogen. Argumente wie “der Ozean ist groß, sehr groß” hört man leider viel zu oft, schlimmer noch: “die anderen machen das doch auch” – als gäbe es einen Anspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht. Jetzt, nachdem ich deine anderen Artikel gelesen habe (und auch den obigen nochmal etwas aufmerksamer), denke ich auch, dass wir nah beieinander sind.

    Medienkritisch betracht wäre es ja vielleicht mal interessant zu untersuchen, ob sich diese Art der Berichterstattungen an der Einstellung der jeweiligen Verlage zum iPad festmachen läßt. Also auf der einen Seite die “Alle Verleger sollten Steve Jobs auf Knien danken”-Fraktion und dem gegenüber die “Selbstmordwelle beim Apple-Hersteller”-Koalition. Zweifellos wurde dem iPad ja großer Einfluß auf das Verlagswesen vorausgesagt. Nur so eine Spontantheorie…

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  •  Toertje sagte am 5. Juli 2010:

    Die Selbstmordquote einer einzelnen Firma mit der eines Landes zu vergleichen ist Unsinn, bzw kann nicht als Argumentationshilfe verwendet werden

    Antworten 
  •  Noch ein Soziologe sagte am 5. Juli 2010:

    Du bist (ernsthaft?) Soziologe und dann ist dir nicht klar, dass es sich hier um qualitativ unterschiedliche Quoten handelt, die man mitnichten einfach so in Relation setzen kann? Wo bitte bekommt man ein solches Soziologie-Studium?

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  •  rj sagte am 5. Juli 2010:

    Oh, noch einer :) Das steht auf der zuviel.org.

    Von “einfach so” hat auch kein Mensch geredet. Es geht nur darum, dass man aufgrund einer Quote weit unter Landesmittel nicht einfach exemplarisch von einer “Serie von Selbstmorden” reden kann. *Das* muss man in Relation setzen. Sonst kann ich natürlich auch von der erstaunlichen Lungenkrebsquote unter den Gauloisesrauchern reden.

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  •  jmmappleworld sagte am 5. Juli 2010:

    Der meiner Meinung nach wichtigste Punkt hier:

    Dass es nicht um eine Verbesserung der chinesischen Arbeitsbedingungen geht, die eine aufmerksame Medienöffentlichkeit durchaus fördern kann, zeigen die jüngsten Publikationen erneut. Stattdessen scheint es nach wie vor eine auflagenstärkende Strategie zu sein, im Zusammenhang mit Apple von “Skandalherstellern” zu reden und die Hintergrundinformationen wegzulassen. Die könnten die schöne Skandalstory ja verderben.

    Haetten das alle gelesen, haetten wir uns einiges an Diskussion sparen koennen… Im Grunde es das was rj und hase beide sagen….

    PS: auf der Bahnstrecke Bremen Osnabrück haben sich dieses Jahr schon mehr Menschen umgebracht. Soweit ich weiss, war davon nichts in den Medien. (Vielleicht noch in der Kreiszeitung) Der erste den ich mitbekommen habe waehrend der Cebit. Ich wollte in den Zug….. Naja. Wie ihr von Macnotes euch vielleicht erinnert, ging es dann am ende ja doch. Bus sei Dank.

    Antworten 
  •  Felix Nagel sagte am 8. Juli 2010:

    Hast du eine Quelle zu deiner Aussage “[...] die Selbstmordquote bei Foxconn in eine Relation gesetzt wird – denn sie liegt unter dem chinesischen Durchschnitt.”?

    Wenn nein ist das hier bloß der Post eines iPaid Jüngers der sein Gewissen beruhigen will.
    Wobei er das ja gar nicht nötig hätte, da fast alles was wir kaufen unter unmöglichen Bedingungen hergestellt wird.

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