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Veröffentlicht am  25.11.10, 10:42 Uhr von  rj

Radio ist der neue Furz: Ein Kommentar zu Appisierung und App Store-Politik

App StoreRadio-Apps, die nur das Angebot eines Senders aufs iPhone bringen, sollen in Zukunft nicht mehr für den App Store zugelassen werden – der neue Kurs Apples, der nur noch Apps mit “hunderten von Stationen” zulassen will, zeigt die grenzen des selbstgewählten Trends zur “Appisierung des Internet” auf. Dass analog zur Furz-App-Flut eine Radio-App-Flut drohe, ist eine Entschuldigung, die allenfalls von Selbstgerechtigkeit und Ratlosigkeit zeugt.

Dreihunderttausend Apps – gerne schmückt sich Apple mit den großen Zahlen. Den Vorwurf, dass es sich größtenteils um Müll handeln könnte, hört man sich hingegen weniger gerne an. Der App-Flut soll nun ein weiterer Riegel vorgeschoben werden – indem die App-Angebote von Radios, die nur einen einzelnen Sender verfügbar machen, schlicht nicht mehr angeboten werden.

Apple wird zitiert mit der Absage, “…single station app are the same as a FART app and represent spam in the iTunes store… [Apple] … will no longer approve any more radio station apps unless there are hundreds of stations on the same app.”

Eine Logik, der man nur schwerlich folgen kann. Seit über zwei Wochen werde der Kurs bereits gefahren, und es macht Spass, sich auszumalen, wie das Prinzip auf andere App-Angebote ausgeweitet werden kann. Denn wozu eine App einer Newssite, wenn stattdessen Universal-Apps für eine Vielzahl von Online-Zeitungen angeboten werden können? Warum hat jede kleine Edelboutique ihre eigene iPad-App-Präsentation, wenn sie auch im Gesamt-Angebot einer Shopping-App ihre Ware an den Kunden bringen könnte? Warum überhaupt diese ganze App-Flut, könnte man nicht 90% der iPhone-Anwendungen problemlos als mobile Webseite umsetzen und im Safari anzeigen?

Ironischerweise kann man das. Noch ironischer: ausgerechnet bei der “Single Radio App” ist der Nutzen durchaus vorhanden, wenn man die “Single App” beschallungstechnisch im Hintergrund laufen lassen kann und sich nicht überlegen muss, welches Browserfenster offen bleiben müsste, weil dort gerade ein Radiostream läuft.

Neben aller ironischer Anmerkerei: Apple erntet gerade schlicht, was selbst gesät wurde – die Versuche aller Medien- und Contentanbieter, auch als Icon auf dem iDevice der Wahl präsent zu sein, sind die logische Konsequenz aus der von Apple betriebenen “Appisierung des Internet”, mit der zum einen die eigenen Produkte gepusht, zum anderen die Medienpartner mit möglicherweise lukrativen und im Unterschied zur WWW-Site auch kostenpflichtigen Angeboten ins Boot zu holen. Dass da nicht nur ein Murdoch sein Stück vom Homescreen-Aufmerksamkeitskuchen abschneiden will, sondern auch andere Content-Anbieter statt der Mobile Safari Bookmark eben auch per App präsent sein wollen, war abzusehen. Dass Apps schlechter skalieren als Webangebote/Bookmarks – dito.

Steve Jobs’ Antwort auf die Beschwerde der Radioapp-Coder war nebenbei so kurz wie selbstgerecht – “Sorry, we’ve made our decision.” Diese Entscheidung fällte Apple in der Tat.

(Update: Es gebe den “Single Station Ban” per se nicht, behauptet Yourtechlife. Das Problem sei der Submit zahlreicher, bis auf die Streamquelle identischer Apps, und wenn ein Sender die “eigene App” originell aufbereitet einreiche, habe sie “gute Chancen”. Besser macht das die Situation keineswegs – es zeugt von einer seltsamen Auffassung von Kreativität, wenn sie als Argument dafür herangezogen wird, dass zahlreiche Anbieter alle das Rad für sich neu erfinden müssen. Und, angemerkt, alle ihre 99 Dollar Jahresgebühr als App Store-Entwickler zahlen dürfen.)

 Und wie ist deine Meinung?  Schreib uns einfach!

 11 Kommentar(e) bisher

  •  lawyn sagte am 25. November 2010:

    Ich muss gestehen, ich teile recht selten Deine Meinung, aber diesmal stimme ich Dir zu.
    Ich halte Apps einzelner Sender durchaus für sinnvoll, weil zB bei lokalen Radiosendern gleichzeitig noch lokale News (per Text, Bild whatever) übertragen werden können und den Nutzer einer solchen App nicht weitere hundert Sender interessieren.
    Mit News-Anbietern verhält es sich doch genauso: Wer sich für News von der “Welt” oder “Die Zeit” entschieden hat, möchte wohl eher nicht mir News von “Bild” zugemüllt werden. Wenn doch benutzt er wahrscheinlich sowieso einen Feedreader.

    Was mich betrifft, so habe ich für mich selbst entschieden, dass die ein oder andere App für mich persönlich gegenüber der Internetseite keinen wirklichen Vorteil bringt. Ein Safari Bookmark braucht zudem wesentlich weniger Speicher.

    P.S.: Auch wenn ich nicht immer Deiner Meinung bin, gefällt mir Dein Schreibstil.

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  •  Adam Riese sagte am 25. November 2010:

    Ich möchte die Funktionen der App von Radio Paradise nicht missen . sie hat eine echte Daseinsberechtigung.
    Andererseits: wenn Apple weiter anti-demokratische Züge an den Tag legt, dann kann ich mir einen Wechsel zu einem anderen System mittlerweile vorstellen – so ist es ja nun nicht.

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  •  Hendrik sagte am 25. November 2010:

    Ich stimme zu ! Apple reibt sich hier völlig sinnlos auf. Der einzige Ablehnungsgrund für eine App sollte sein, dass sie unsicher oder moralisch fatal ist. Statt jetzt Apps abzulehnen, während bereits tausende Single-Radio-Apps im Store sind, sollte Apple mal die Store-Navigation verbessern: Eine eigene (Unter-)Kategorie für Radio-Apps und dazu ein Baumsystem für Kategorien und schon hat man diese Sparte im Griff. Auch ließen sich auf den Homescreen-Seiten minimale Ordnungsverbesserungen einbauen, um sich besser zurechtzufinden: Die derzeitigen Groups sind nicht ausreichend, da ich mir nicht merke, welche Apps in welcher Gruppe sind und viele Apps auch nicht eindeutig zu kategorisieren sind. Entsprechend sind die Groups lediglich gut für das “Untern-Tisch-kehren” von Apps, nicht fürs Finden dersolchen. Zumal sehen von oben alle Groups visuell gleich aus, man scannt jedesmal die kompletten Seiten ab, um eine Gruppe zu finden. Und über iOS-Geräte hinweg werden sie auch nicht gesynct, auf meinem iPhone anders als auf dem iPad und die Schiebearbeit macht man sich auch doppelt. Im Endeffekt nutze ich dann meistens die Textsuche, aber manchmal hat man den Namen einer App nicht exakt parat oder manche Apps ändern auch sporadisch ihren Namen. Das ist alles viel zu platt !

    Übrigens haben fast alle TV-Sender dieser Welt ebensolche 1-Station-Apps im Store, gleiches gilt wie angesprochen für diverse Shopping- oder Serviceportale. Wo soll hier die Grenze sein ?

    Auch wäre denkbar, dass TV- und Radiosender mit der Zeit auch Premium-Content oder -service per App anbieten wollen und dies per Abo (ab iOS 4.3 ?) oder InApp-Kauf verfügbar machen, … woran dann auch Apple mitverdienen würde.

    Genauer ist der ganze Passus “verschiedene Versionen einer App” fragwürdig: Viele Entwickler bauen auf feste Toolkits und variieren lediglich den Content ihrer Apps, bieten somit (codetechnisch) ein- und dieselbe App mehrfach an. Aufgrund des unterschiedlichen Contents präsentieren sich diese Apps jedoch völlig verschieden, haben womöglich gänzlich verschiedene Zielgruppen, -regionen, -länder.

    In meinen Augen ein ganz schlimmer Lapsus von Apple! Und ein Eingeständnis, dass die “App-Economy” das Web eben doch nicht verdrängen kann. Qualikontrolle und Wächterfunktion in Ehren, aber es muß schon irgendwie gerecht zugehen. Man kann nicht etwas wegregulieren, wenn der ganze Laden schon damit zugestellt ist.

    Meine Vermutung: Die Radiosender werden das Verbot eh umgehen und sich einfach als andere App-Kategorie tarnen: News-App, Spiel-App, Social-App etc. Katz- und Mausspiel – das bringt noch weniger!

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  •  Peter Mueller sagte am 25. November 2010:

    Sorry, aber was ihr schreibt ist nur die halbe Wahrheit. Es geht in diesem konkreten Fall um ein Unternehmen, das über seinen Account zig Radioapps in den Store kippt. Alle sind gratis. Alle werden ab und an geupdatetd. Jedes Update muss durch einen Review Prozess. Das kostet Apple Zeit und Geld.
    Ergo: Einzelradio App sind weiterhin gestattet, solange sie über einen Developper Account der entsprechenden Radiostation eingereicht werden. So kassiert Apple pro App entsprechend Geld über den Umweg eines kostenpflichtigen Developper Accounts. Damit kann ich sehr gut leben.
    http://yourtechlife.com/2010/11/24/apple-vs-the-radio-industry-not-quite/

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  •  rj sagte am 25. November 2010:

    Peter, wenn die Apps weitgehend identisch sind (und meine Güte, sie streamen einen radiosender. Was soll schon riesig unterschiedlich sein?), dann ist der Review denkbar simpel. Wenn sie nur “als Selbstzweck” unterschiedlich sein sollen, dann ist das reine Beschäftigungstherapie. Alternativ Ausschussmaßnahme gegen kleine Anbieter, die eben nicht die Entwickler selber rumsitzen haben und eben nen Dienstleister dafür nehmen. Oder noch alternativer, Gelddruckmaßnahme über die Entwicklergebühren. Weil Apple *das* ja so dringend nötig hat.

    Ich seh deinen Punkt und hab nen Absatz Update plus deinen Link angefügt, aber ich bleib bei der vertretenen Meinung.

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  •  @Scoopic sagte am 25. November 2010:

    Jetzt wirds auch Apple-Fans zu bunt: Radio ist der neue Furz: Ein Kommentar zu Appisierung und App Store-Politik: http://macnot.es/53259

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  •  Peter Mueller sagte am 25. November 2010:

    Hallo rj,

    ich sehe auch Deinen Punkt. :) Ich persönlich gehöre zu den Anachronisten, die Radio lieben. Ich bin z.B. begeisterter Nutzer der dradio App. Und diese App etwa macht für mich den Unterschied zu dem ganzen Mist, der nix anderes macht als nen Stream abzuspielen. In dem Sinne zitiere ich mal aus den App Store Review Guidelines: “(…) Above all else, join us in trying to surprise and delight users. Show them their world in innovative ways, and let them interact with it like never before. In our experience, users really respond to polish, both in functionality and user interface. Go the extra mile. Give them more than they expect. And take them places where they have never been before. (…).”
    Als Entwickler UND Anwender stimme ich diesem Anspruch vollkommen zu.

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  •  Gerald sagte am 25. November 2010:

    Leute, das ist ein ganz ordinärer App-Spammer:
    Eine Einzel-App kostet $200, ein “Update” $30. “50 Bulk Radio Apps” für Resseller gibts für $3000: http://www.djbapps.com/resellers.html
    Alle Apps sind identisch, bis auf Logo und einer Config mit Stream-URL und ein paar Links.

    Da will einer ein Geschäfft mit App-Spam aufziehen und beschwert sich nun, das Apple keine Lust drauf hat. Und die Blogs steigen drauf ein, es gab ja auch schon länger keine schöne App-Store-Rejection-Of-The-Week mehr.

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  •  rj sagte am 25. November 2010:

    Benennungssache. Jemand anders wirds Dienstleistung nennen und Arbeitsersparnis. Wie gesagt – warum *sollen* da x Sender das Rad neu erfinden?

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  •  Ronny sagte am 25. November 2010:

    It’s pathetic! Erst fehlen Nachrichtentöne beim 3G oder 3GS und jetzt von Apple entschieden, was die in ihrem Store anbieten wollen, ich bin erschüttert. Ich verstehe ja, das Apple das Geschäftskonzept des euch nahestehenden Stores kaputt gemacht hat, aber sich an so Kleinigkeiten aufzuhängen … naja ich weiß nicht. Ganz davon ab, nachdem ich den Heulbrief da gelesen habe, mir die Seiten des Anbieters angeschaut habe, habe ich meine Zweifel, dass das alles ist. Aber die Nachricht hinter der Nachricht is nicht so euer Ding, ich weiß.

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  •  wazi sagte am 25. November 2010:

    Stefan Winterbauer bringts ganz gut auf den Punkt, warum Apple recht hat mit seiner Vorgehensweise:

    http://meedia.de/nc/background/meedia-blogs/stefan-winterbauer/stefan-winterbauer-post/article/radio-apps—die-groe-austauschbarkeit_100031729.html

    Wozu also für jeden Sender ein eigenes regionales App, wenn ich mit z.B. RadioBox alle regionalen Sender in einem Programm vereint hab und noch viel mehr?!

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