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Veröffentlicht am  27.03.12, 18:39 Uhr von  Alexander Trust

Google muss Autovervollständigen-Begriffe löschen

Google Google

Google muss einige seiner Autovervollständigen-Begriffe löschen. Dies ist als Ergebnis einer Klage eines Japaners geschehen. Während das Ergebnis den Kläger zufrieden stellt, ist das Urteil für die Entwicklung der Medienkompetenz ein Hemmschuh, wenn nicht sogar mit Zensur gleichzusetzen.

Wenn man ein neues Gerichtsurteil aus Japan anschaut, dann würde man auf den ersten Blick annehmen, dass “endlich” mal jemand dem Suchmaschinen-Giganten die Stirn gezeigt hat.

Google schlägt schon seit einiger Zeit Suchenden mittels eines Autovervollständigen-Features mögliche weitere Suchbegriffe vor, die es im Kontext der Suche für sinnvoll hält – entweder weil sie gerade aktuell sind, oder weil sie vielleicht besonders häufig in der Kombination im Index auftauchen, und sicherlich noch aus anderen Gründen.

Nun hat ein Japaner wegen ebendieses Features gegen Google geklagt und gewonnen. Der gute Mann hatte seinen Job verloren, weil man, wenn man seinen Namen “googelte”, Keywords angezeigt bekam in der Autovervollständigung, die auf eine Straftat und einen Straftäter hindeuteten. In der Folge fand der Mann keinen neuen Job mehr und begründete dies mit den Autovorschlägen von Google. Ob das in jedem Fall tatsächlich so war, darüber hat sich der Kläger vielleicht sogar gar nicht ausreichend informiert. Doch letztlich wurde das Urteil zu seinen Gunsten gefällt. Ob er demnächst wieder einen Job findet, werden wir wohl nie erfahren. Aber kommen wir zu den möglichen Folgen, die dieses Urteil meiner Meinung nach beinhaltet.

Vom Gatekeeper-Dasein

Die eine Seite der Medaille ist, dass Google mit dieser Art der “Bevormundung” sicherlich auch einige “faulere” Zeitgenossen auf bereits vorgegebene Pfade führt, und man deshalb argumentieren könnte, dass hier die Medienkompetenz der Google-Nutzer wenig gefordert wird, um nicht zu sagen sogar eingeschränkt. Immerhin ist Google ein Gatekeeper, ein Relevanz-Medium, das den Zugang zu Inhalten ermöglicht und einschränkt gleichermaßen. Denn viele Leute glauben, dass Inhalte, die von Google nicht gefunden werden, auch nicht im “Internetz” existieren. Diese “naive” Vorstellung findet aber keine Entsprechung in der Realität. Denn es gibt sehr wohl sehr viele Inhalte, die im Web existieren, obgleich Google sie nicht findet.

Zensur der Medienkompetenz?

Doch das neuerliche Gerichtsurteil aus Japan tut eben genau dies auch, die Medienkompetenz einschränken (vielleicht auf eine andere Weise), und meiner Meinung nach sogar mit deutlich nachhaltigeren Konsequenzen. Denn es ist ein Präzedenz-Entscheid. Es wird, nachdem die Richter sich in diesem Fall entschieden haben, dem Begehren des Japaners nachzugeben, weitere Kläger geben, die sich auf dieses Urteil berufen. Was dann passieren könnte, wäre eine Zensur der Medienkompetenz durch das “System”.

Wenn wir nämlich Personen dazu bekommen wollen, einen kompetenten und freien Umgang mit Medien einzuüben, dann schaffen wir das nicht, indem wir genau die Elemente eliminieren, an denen man gerade besonders gut studieren könnte, worauf es ankommt. Dieses Urteil interpretiere ich persönlich auf eine Weise, dass es versucht die Gesellschaft auch von dieser Pflicht des “verantwortungsvollen” Umgangs mit Medien zu entbinden. Dann frage ich mich, warum? Wenn man in ein anderes Wortfeld tritt, dann denke ich, dass der Japaner an dieser Stelle ein Symptom bekämpft, aber eben nicht die Ursache. Denn die Ursache für die Fehlinterpretation ist eben jene mangelnde Medienkompetenz auf Seiten der Personaler gewesen. Warum hat er nicht gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber geklagt? Wenn das Gericht nämlich jenen verurteilt hätte, dann wäre das eine Entscheidung pro Medienkompetenz gewesen.

Was an dieser Stelle noch erwähnt werden sollte, ist, dass Google lediglich die Begriffe in der Autovervollständigung entfernen muss. Wenn nun jemand aber nach dem Namen des Japaners sucht, wird er wohlmöglich trotzdem auf die entsprechenden Ergebnisse stoßen.

Urteil befeuert Bürokratie

Ich möchte ein anderes Beispiel anbringen, um meinen Standpunkt zu verdeutlichen. Ich bleibe dabei vage, da ich niemanden diskreditieren möchte. Doch in meinem Bekanntenkreis gibt es eine Person, die, wenn man nach ihr sucht, ebenfalls in ein – sagen wir – schlechtes Licht gerückt wird. Genauer geht es darum, dass es eine weitere Person desselben Namens gibt, die mehr oder minder im Erotik-Business tätig ist. Wenn Google über die Autovervollständigung nun entsprechende Suchworte anzeigt – soll dann die Person aus meinem Bekanntenkreis hingehen und Google verklagen? Umgekehrt liegt es doch im Interesse derjenigen Person, die mit ihr den Namen teilt, genau daran, dass man sie in eben jenem “Rotlicht”-Kontext findet. Denn damit bestreitet Z ja ihren Lebensunterhalt. Wem sollte in dieser Zwickmühle dann ein Gericht Recht geben? Demjenigen, der das horizontale Business betreibt? Demjenigen der seine Privatsphäre schützen möchte? Demjenigen, der zuerst geboren wurde, und deshalb am längsten den Namen trägt? Wenn man “einmal” mit so etwas anfängt, dann erzeugt man später eine Menge Bürokratie, die wir alle nicht haben wollen – und das nur, weil “einer” ein Problem hat.

Doch müssen wir wirklich unseren Gerichten zukünftig lauter solche Kopfnüsse zu denken geben? Sind die nicht schon mit anderen, wichtigeren Dingen beschäftigt, für die sie schon jetzt zu wenig Zeit haben? Und wollen wir tatsächlich Personalchefs zur Medien-Inkompetenz erziehen? Ich finde nicht. Es gibt doch auf dieser Welt eben nicht nur ein Lieschen Müller, sondern mehrere. Mein eigener Vorname war über etliche Jahre sehr “en vogue”. Ich habe mal in Städten gelebt, in denen eine zweite Person, genauso hieß wie ich, und in einer Stadt hatte ich sogar zwei Namensvettern.

Das globale Dorf überkommen

Ich glaube, dass man stattdessen den Diskurs über Medienkompetenz an dieser Stelle ankurbeln muss, damit die Leute begreifen lernen, dass das Internet für uns alle da ist, und eben nicht der Attitüde vom “globalen Dorf” entsprechend, die der Medienwissenschaftler Marshall McLuhan geprägt hat.

Dieser Beitrag hat wenig mit Macs, Apple-Produkten und Co. zu tun. Dennoch wollte ich ihn an dieser Stelle veröffentlichen, weil ich glaube, dass gerade bei Macnotes viele unterwegs sind, die sich zum Thema Medienkompetenz Gedanken machen. Entsprechend könnte sich die Diskussion lohnen.

 Und wie ist deine Meinung?  Schreib uns einfach!

 4 Kommentar(e) bisher

  •  lphilipp sagte am 27. März 2012:

    Das Autovervollständigen von Google ist genauso dämlich wie Amazons “andere Kunden haben auch dieses gekauft” etc. – Trotz der vielen Wörter ist mir nicht deutlich, wieso solche im Hintergrund werkelnden recht simplen Datenbankautomatismen einen Beitrag zur “Medienkompetenz” leistten sollen.
    Es geht hier schlichtweg ums Verkaufen! Google verkauft Werbung und Amazon Waren und beide rechnen damit, dass der eine oder die andere darauf “reinfallen”.

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  •  at sagte am 27. März 2012:

    @peterpansensen: Ein Artikel kann sich nicht kleiden, zumindest nicht, wenn man ein so realistisches Sprachverständnis anwendet, wie du es bei der Interpretation des Geschriebenen getan hast. Also tu mir dann den Gefallen und werfe nicht mit Steinen, wenn du im Glashaus sitzt, bzw. sei kein Opportunist, der versucht subtil, so dass die Leute es nicht verstehen, “der Gute” sein zu wollen.

    Natürlich sind die Begriffe passend verwendet. Ich kenne keine kulturwissenschaftliche Disziplin, in der es eine konkrete Definition für diese Begriffe gibt. Wenn man neben diversen Deutungen auch versucht sein eigenes Verstehen einzubringen, dann bin ich jedenfalls nicht bang. Das war ich nie vor meinen Professoren an der Hochschule und das werde ich bestimmt nicht vor Kommentatoren im Internet sein. Ich habe mich lange genug mit den Dingen beschäftigt und tue es noch. Die Erkenntnis liegt jedenfalls nicht in den Dogmen begründet, die andere predigen.

    Der Gehalt deines Kommentars ist außer eines abfälligen Achselszuckens übrigens gleich null; Relativismus lässt grüßen. So zumindest interpretiere ich deine Worte. Wenn ich falsch liege, darfst du mich gerne korrigieren.

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  •  at sagte am 27. März 2012:

    @Iphilipp: Wenn du mal deine Technikfeindlichkeit beiseite lässt, dann bleibt folgende Fragestellung von mir übrig: Wenn man das Autovervollständigen abschaltet, weil Person X annehmen könnte, dass Vorschläge notgedrungen zu der Person, die sie suchen gehören müssen, weil sie annehmen es gibt nur eine Person, die diesen Namen trägt, dann gibt man dieser naiven Vorstellung von wenig medienkompetenten Leuten nach, anstatt darauf zu beharren, dass sie ihr Selbst- und Weltverständnis anpassen und erkennen, dass bloß, weil ein Name X in irgendeinem Zusammenhang auftaucht, es noch lange nicht DER Name sein muss, den sie suchen wollen. Das kann ich nicht gutheißen. Wenn in der Tageszeitung über einen AT aus meiner Stadt berichtet werden würde, soll ich dann der Zeitung die Berichterstattung verbieten, weil zufällig eine Person gleichen Namens in der Stadt wohnt? Soll ich dann in eine andere Stadt ziehen? An welcher Stelle setzt man da an? Wenn man davor davon läuft, den Leuten die Medienkompetenz zu vermitteln, die Informationen, die sie konsumieren auch richtig einzuordnen, dann stehen wir in 10, 20 oder noch mehr Jahren vor einem Scherbenhaufen, vor einer Gesellschaft in der man Leute im Internet denunzieren kann, ohne mit der Wimper zu zucken, einfach weil man zulässt, dass die Leute so eine naive, eindimensionale Auffassung der Dinge als “die Wahrheit” kennenlernen und akzeptieren lernen, die sie ja nicht ist.

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  •  Karl sagte am 28. März 2012:

    Eine Autovervollständigung trägt also zur Medienkompetenz bei? Sicherlich eher das Gegenteil. So können leicht durch viele Suchanfragen Dinge in Zusammenhänge gerückt werden die es so nicht gibt, denn Google lernt aus den Anfragen. Also sollte eher die Autovervollständigung entfallen, da sie Zusammenhänge darstellt die sich aus konkreten Anfragen ergeben, die aber keinen realen Bezug zueinander haben müssen, meist aber haben und aus dieser Erfahrung eines Zusammenhangs lernt der Benutzer.

    Also weg mit diesen Spionagefunktion der Autovervollständigung. Das wäre die kompetenteste Entscheidung.

    Wer sagt uns, das der Arbeitgeber nicht verklagt wurde?

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