Kommentar: 27. Juli 2012,

Zalando im Shitstorm: Das ist kein anderes, sondern unser Deutschland!

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Wer Elektronik-Produkte wie das iPhone 4S, demnächst das iPhone 5 oder Smartphones wie das Samsung Galaxy S3 kauft, wer vor 30 Jahren einen Mixer oder eine Waschmaschine kaufte, der kann doch nicht ernsthaft jetzt angeblich pikiert sein über Arbeitsbedingungen bei Zalando?

Offenbar hat ZDFzoom einen Enthüllungsreport im TV ausgestrahlt, vorgestern Abend. Darin wurden Arbeitsbedingungen präsentiert, die manche daneben finden. 7,01 Euro Stundenlohn? Es gibt Leute, die als Reinigungskraft 4,65 Euro kriegen. Die armen, armen Zalando-Mitarbeiter. Wahrscheinlich ist aber beides nicht grad so toll. Jedenfalls: Seitdem, so heißt es unter anderem auf Meedia, sei ein Shitstorm losgebrochen. In meinen Timelines auf Twitter hab ich davon kein Wort gehört, Trending Topics waren bislang andere. Bei Google News ist Micaela Schäfer ganz weit vorne. Ach ja, der Shitstorm ist ja auf Facebook ausgebrochen.

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Ignorante Experten

Ein Experte soll in dem Bildbeitrag die Situation als „ein anderes Deutschland von schlecht bezahlter Arbeitskraft, von Rechtlosigkeit am Arbeitsplatz“ beschrieben haben. Ich frag mich ernsthaft, wer jemandem, der so etwas formuliert, eine Qualifikation ausgestellt hat. Aber unser akademischer Zirkus ist gut darin, die Qualität immer weiter nach unten zu schaufeln und sich selbst etwas vorzumachen. Dass dann solche Experten dabei rauskommen, muss einen nicht wundern.

Lieber Herr Experte. Das ist kein anderes Deutschland, das ist „unser Deutschland“. Jeder, der davor die Augen verschließt, der möchte eben gerne darüber hinwegsehen. Als ob diese Reportage von ZDFzoom nun so etwas Spektakuläres ist. Das komplette letzte Jahrzehnt folgte ein Skandal nach dem anderen, und in der Folge dann eine Imagekampagne. H&M mobbt Gewerkschaftsmitglieder, war es nicht mal so? Schon vergessen? Schlecker hat zwar jetzt Insolvenz angemeldet, doch auch dort gab es Skandälchen und Skandale. Lidl ist doch der Discounter schlechthin, oder? Über den wurde ja kein Schwarzbuch über schlechte Arbeitsbedingungen geführt. Dort und auch anderswo wird und wurde billig gearbeitet, und wird auch in Zukunft billig gearbeitet werden (müssen). Denn woanders auf der Welt wird noch billiger gearbeitet.

Opportunistisches Deutschland

Meckern können die Leute in unserem Land, wie die Weltmeister, auch wenn sie es im Fußball schon lange nicht mehr geworden sind. Persönlich finde ich zwar die Zustände bedauerlich, aber den Shitstorm jetzt total unglaubwürdig und vor allem total unanständig. Gerade die Leute schreien doch jetzt, die sich die Klamotten aus den Ausbeuter-Geschäften kaufen.

Ihr habt ein Smartphone von Apple? Ein Tablet von Samsung? Einen Fernseher von Philipps? Wie viele Chinesen haben sich dafür schon das Leben genommen, weil die Arbeitsbedingungen in den Werken in China wie Foxconn geprägt sind von Drill, von Mobbing, von Unterbezahlung.

GEZ-Gebühren zum Fenster naus

Aber bleiben wir im eigenen Land. Zalando hat beschwichtigend versucht das Ganze herunterzuspielen und verspricht Besserung. Ob man das nun glaubt oder nicht – ich glaube es nicht – es ist nicht der erste „Skandal“ dieser Art und es wird nicht der letzte bleiben. Wer das denkt, und wer vor allem als Redaktion „solche Experten“ zu Wort kommen lässt, der sollte über seinen Bildungsauftrag nachdenken und darüber, dass ich als jahrelanger GEZ-Zahler meine Kohle sicher nicht dafür ausgeben will, dass dort die Sensationsgier von irgendwelchen Facebook-Usern befriedigt wird, die von der Unterhose über den Sneaker, bis zu den Kontaktlinsen und der Wurst auf dem Brot alles Produkte kaufen, die mit Tierquälerei und schlechten Arbeitsbedingungen zu tun haben. Man kann diesem Phänomen nicht entgehen, man kann höchstens versuchen es besser zu machen. Aber sich drüber aufregen, bringt gar nichts.

Schreibt euch das doch einfach mal hinter die Löffel: Wer geiz ist geil gut findet, oder wer gerne „billig“ haben will, der muss mit solchen Erscheinungen leben lernen. Vor allem, der ist mitverantwortlich für die Zalandos, Lidls, H&Ms und Co. Verdienen wollen sie alle, nur abgeben will keiner. Am Ende muss irgendjemand zurückstecken. Dass das in der Regel die Leute ganz unten sind, ja das wusste man doch schon bei den Neandertalern. Als ob es zu so einer Erkenntnis Facebook oder das Fernsehen bräuchte.

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 5 Kommentar(e) bisher

  •  frank (27. Juli 2012)

    Ich finde es gut, solche (in Deutschland heutzugate normalen) Zustände zu benennen, aber das jetzt an Zalando festzumachen ist albern. In strukturschwachen Regionen sind das eben die Bedingungen, die für Minderqualifizierte übrigbleiben. Millionen von Menschen arbeiten in Deutschland zu solchen und ähnlichen Löhnen, das Verhalten von Zalando ist also keineswegs skandalös, sondern eher normal. So traurig das auch ist.
    Dummer, tendenziöser Beitrag vom ZDF.

  •  Alexander Trust (28. Juli 2012)

    @frank: Ja und das seh ich leider ähnlich. Also nicht, dass ich nicht auch gut finde, wenn Journalisten in solchen Dingen recherchieren.

    Ich glaube auch nicht, dass es Sinn macht, aus dieser Welt zu fliehen, weil sie so ist, wie sie ist. Wir alle haben wohl schon irgendwas getragen, gekauft, gegessen, benutzt, was in irgendeiner Weise nicht in Ordnung war. Man muss die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändern, damit sowas nicht mehr passiert und nicht von einer Woche auf die nächste immer wieder neue Skandale erfinden. Weil das stumpft auch die Leute irgendwann ab. Und die Leuts bei Facebook da sind doch größtenteils Dramaqueens. Die inszenieren das jetzt, aber selbst wenn eine – Schublade auf – Grünenpolitikerin mit 3 Kindern und Birkenstocksandalen aufkreuzt, die Veganerin spielt und 50 Prozent ihres Geldes an Greenpeace überweist – selbst so jemand kommt in dieser Welt nicht umhin, „Falsches“ zu unterstützen.

  •  Marko (29. Juli 2012)

    Endlich mal jemand der an diesem einseitig recherchierten Artikel Kritik übt. Natürlich sind die Zustände nicht wirklich gut, aber da gibt es in Deutschland sicherlich noch viel schlimmere Unternehmen und Betriebe. Das die gezeigten Mitarbeiter nicht von Zalando sondern von einem Partnerunternehmen sind, wurde ebenfalls nicht erwähnt.

  •  augenauf (29. Juli 2012)

    1) Das Problem der günstigen Produktion in Fremdländern betrifft auch teure Marken.

    2) Zalando hat im Geschäftsjahr 2011 über eine halben Milliarde Euro Umsatz generiert.

    3) Zalando ist nicht dafür bekannt, eine Discountermarke zu sein. Wenn die aber Ihre Umsätze und spätere Gewinne auf den Rücken schlecht bezahlter Mitarbeiter in der Logistik erwirtschaften, dann sollte man davon absehen dort zu bestellen. Es geht auch fair, wenn man nur will.

    4) Das es Jobs gibt, wie z.B. Paketzusteller, die schlechter bezahlt sind, gibt für Zalando keinen Freischein.

    5) Grundsätzlich wurde bereits mehrfach von schlechten Arbeitsbedingungen bei Samwer Unternehmen berichtet. Der ZDF-Beitrag bestätigt dies nur ein zusätzliches mal.

    Beruht der Kapitalismus wirklich darauf, mehr Gewinn auf mehr Ausbeutung der Ressource Mensch zu erwirtschaften?

    @Marko: Das die Mitarbeiter über eine Arbeitnehmerüberlassung kommen, wurde im Beitrag erwähnt.

  •  frank (29. Juli 2012)

    @Alexander:
    auf der Facebook-Seite von Zalando beschweren sich wohl in erster Linie irgendwelche Jugendlichen, die bisher von dieser emotionalisierten, passionierten Zalando-Masche (Wir sind eine Gemeinschaft, wir sind alle ganz lieb zueinander und die Welt ist rosarot, „We love Fashion“) vereinnahmen ließen und sich jetzt wundern, dass Zalando eben kein liebes Unternehmen ist, das es allen recht machen will und die Menschen etwas chicker machen will, sondern dass da knallharte geschäftliche Interessen dahinterstehen. Manch einer kennt die Samwer-Brüder (die wichtigsten Investoren), die und die Gründer von Zalando interessieren sich einen Scheiß für Mode, die interessieren sich nur für einen möglichst lukrativen Exit. Bis auf ein paar naive 16-jährige wussten das aber auch die meisten.

    Zum Thema Birkenstock: http://www.gassenschmidt.de/old/birkda.htm


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