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Veröffentlicht am  31.07.12, 19:26 Uhr von  

Apptrace FTW! – Die Mär vom geschlossenen System und Apples iTunes Store

Apptrace Apptrace

Heute ist ein toller Tag für lustige Kaffeesatz-Leser. Die Firma AdEven, deren Geschäftsführer Christian Henschel ist, hat ein umfangreiches, kostenloses Statistiktool namens Apptrace für iOS-Apps gestartet. Nutzer können damit einige Statistiken zu iPhone- und iPad-Apps einsehen. Doch gleichzeitig hat Henschel unnötigerweise ein Vorurteil von Apples geschlossenem System in die Runde geworfen, das mich nicht glücklich stimmt. Ich will versuchen zu erklären, warum.

Als ich die Meldung las, hab ich mich zunächst gefreut. Dann aber stolperte ich über den Kommentar des CEO Henschel, der mir nur wieder einmal vor Augen geführt hat, dass selbst die beste Ausbildung den Leuten nicht dabei hilft, sich selbst zu hinterfragen. Ich ärgerte mich zum Schluss, denn Henschel behauptet, dass rund 400.000 Apps im App Store so gut wie gar keine Downloads aufweisen würden, und Apple Schuld daran sei, weil es ein geschlossenes System anböte.

Statistiken…

Doch kommen wir zunächst zu den Möglichkeiten des Tools, das Henschel anbietet. Mit dem Apptrace-Tool, das sicherlich von mir in Zukunft häufiger verwendet werden wird, ist es möglich, sich anzuschauen, in wie vielen Ländern eine App im App Store enthalten ist. Außerdem kann man das globale Ranking einer App einsehen, die gesammelten Nutzerwertungen und spezifische Rankings für unterschiedliche Märkte und Tage.

… und ihr Wert

Diese Informationen alleine sind, bzw. können sehr viel Wert sein. Die Frage ist allerdings, was man aus ihnen macht. Sich wie Henschel hinzustellen, und zu solch einer Aussage verleiten zu lassen, ist als Anbieter eines eigentlich prima Tools kurz gesagt idiotisch.
Denn die blanken Zahlen alleine geben keine Auskunft darüber, was der Grund für die fehlenden Downloads ist. Solange Henschel und AppTrace nicht eine Möglichkeit haben, z. B. die Aufenthaltsdauer von Nutzern im App Store zu analysieren, oder das Klickverhalten (z.B. in Form von Heatmaps), ist es müßig, solche Behauptungen aufzustellen. Wichtiger noch wäre aber die Interaktion der Nutzer mit der App-Store-Umgebung über ihren Blick, der nicht immer mit den Klicks identisch ist, oder die Gedanken, die sich User beim Navigieren durch den App Store machen. Wer schon einmal Studien mit Probanden durchgeführt hat, um beispielsweise die Ergonomie von Webseiten oder Online-Shops zu verbessern, der weiß, und den anderen sei es an dieser Stelle versichert, dass es durchaus sehr viele Gründe gibt, die dazu führen, dass Nutzer Inhalte oder Produkte auf einer Seite nicht finden.

Geschlossen? Von wegen!

Man wirft Apple immer vor, das System sei geschlossen. Die Entwickler-Plattform ist natürlich geschlossen. Auf Seiten von Android wirft man dem System seine Offenheit vor und manche haben Angst, dass dort mehr als anderswo raubkopiert wird. Beides sollte man so nicht unterschreiben, weil es nicht stimmt.

Fakt ist, dass die App Stores eine bessere Suchfunktion benötigen. Doch die alleine würde nicht automatisch zu besseren Downloadzahlen führen. Auf Android-Seite gibt es ein offenes System, und trotzdem dürfte die Situation dort nicht grundlegend anders sein.
Tatsache ist, dass Apple für jede App eine Kopie der Info-Seite im Web anbietet. Wer Google mal in der Form verwendet, dass er den Namen einer iOS-App ins Suchfeld eingibt, der wird sehr oft die mit dem App Store identische Inhaltsseite zum Spiel auf Seite 1 bei Google finden, oft sogar im oberen Drittel.
Apple hat, indem man die Store-Seiten im Web veröffentlichte, eine Menge dafür getan, dass man Apps leichter finden kann. Denn Google ist zum Finden von Apps die deutlich bessere Suchmaschine.

Sprache ist wichtig!

“Einer” der Fehler, den Henschel meiner Meinung nach macht, ist derselbe, den die Entwickler von Apps begehen. Sie unterschlagen den globalen Markt, sie blenden ihn einfach aus. Nun hätte man die Chance, bei Google auf den Plätzen 1 bis 5 mit seiner App zu landen, vertut sie aber. Warum? Z.B. weil man eine App im deutschen App Store mit einer englischsprachigen Beschreibung anbietet. Aber auch weil man die gleiche App im italienischen App Store mit einer englischsprachigen Beschreibung anbietet und im spanischen, französischen, griechischen, japanischen, taiwanesischen, etc. etc. etc.
Dies hat gleich “zwei” entscheidende Nachteile: Wenn ein Nutzer im App Store sucht und so eine App findet, aber den Beschreibungstext nicht versteht, wird er sie “nicht” in jedem Fall kaufen. Das Problem haben übrigens nicht nur Angelsachsen, wenn sie ihren App-Text lediglich in ihrer Muttersprache anbieten. Das Problem haben alle App-Entwickler. Denn es gibt im deutschen App Store auch Apps, deren Infotext beispielsweise mit Kanji-Schriftzeichen vor die Augen der potenziellen Käufer tritt.
Neben den Käufern im App Store, verprellt man so auch die Suchmaschine außerhalb des App Stores. Denn auch diese hat eine Spracheinstellung. Auf Google.de landen andere Ergebnisse als auf Google.at oder Google.ch, obgleich ja alle drei deutschsprachig sind. Solche Suchergebnisse werden in der Regel schlechter abschneiden, die zwar eine Seite aus Deutschland repräsentieren, auf denen aber ein englischsprachiger Text steht. Apple ist das nicht anzulasten, sondern den Entwicklern, die sich dies nicht vor Augen führen.

Wohlgemerkt ist dies nur ein Grund dafür, warum Apps sich anderswo schlechter verkaufen. Es ist nicht der einzige und auch nicht der Grund schlechthin. Denn dass die Sprache kein Hinderungsgrund sein muss, zeigen ja viele andere Apps. Nur wenn gerade die Indie-Entwickler nicht mit großem Marketingbudget die Werbetrommel rühren können, dann müssen sie zumindest schauen, dass sie ihre “Chancen” erhöhen, weltweit gefunden zu werden.

Meiner Meinung nach hätte Henschel so eine Aussage nicht voreilig treffen dürfen. Denn er ist dann nur einer derjenigen, die ein nicht bewiesenes Vorurteil schüren, obwohl er eigentlich für Aufklärung sorgen sollte.

P.S.: Apptrace soll im vierten Quartal auch Android-Daten auswerten können und der Anbieter plant ebenso Statistiken zum In-App-Kauf zu veröffentlichen. Indiziert werden derzeit alle 155 iTunes App Stores, die es weltweit gibt.

Via GigaOM, engl.

 Und wie ist deine Meinung?  Schreib uns einfach!

 3 Kommentar(e) bisher

  •  Ingo sagte am 31. Juli 2012:

    Nicht nur die Sprache der Beschreibung ist es, was zu wenigen Downloads führt. Oft sind einfach die USP einer App nicht ersichtlich. Wenn man mal schaut, wieviele Taschenlampen-Apps es zum Beispiel gibt, dann wird man sich wundern, warum es doch viele davon gibt, welche nehmen?

    Und auch die User-Rezensionen sind nicht unerheblich. Wenn sich in den ersten paar angezeigten schon viele negative sind, wird es auch keiner kaufen.

    Gründe gibt es viele, warum viele Apps im Abseits dahin dümpeln, in allen App-Stores!

    Antworten 
  •  Armin sagte am 9. August 2012:

    Hallo Alexander,

    zunächst einmal danke für deinen Artikel, wir begrüßen es immer, wenn sich jemand kritisch mit unserem Produkt auseinandersetzt.

    Du hast völlig recht, die Zahlen (400.000 app zombies wurden genannt) geben noch keine Auskunft über den Grund dieser Situation. Das war zu diesem Zeitpunkt noch nicht unsere Intention.

    Die Zombies sind eine interessante Kennzahl, die eine Idee vermittelt, wie der Alltag der meisten Apps im Store aussieht. Sie ist rein deskriptiv – die Ursachen sind unheimlich komplex. Ich hoffe wir werden dazu demnächst publizieren.

    Bis dahin würde ich gern hierauf verweisen:
    http://www.apptrace.com/blog/2012-08-06/inside-zombie-land

    Der Eintrag sollte unsere Intention und Methodik verdeutlichen. Auf deine Ausführungen zur Sprache bezogen heißt das:

    Der AppStore ist natürlich ein globaler Markt, diesen Charakter haben wir immer vor Augen. Das Problem der Zombies ist jedoch, dass sie nicht gefunden werden – unabhängig von ihrer Sprache. Apple gewichtet seine Suche stark nach (lifetime?) downloads – gerade neue Apps oder Nischenprodukte haben hier das nachsehen.

    Die zombie-problematik ist also insgesamt etwas komplexer und ermöglicht kaum monokausale Schlussfolgerungen.

    Gruß,
    Armin

    adeven
    marketing & communications

    Antworten 
  •  at sagte am 9. August 2012:

    Hallo Armin,

    danke für die Replik. Ich hab ja extra geschrieben, dass ich Sprache nur als einleuchtendes Beispiel verwende, und weil der Text nicht noch länger werden sollte, auf weitere verzichte. Die Problematik ist vielschichtig, deshalb gefiel mir die monokausale Antwort eures Chefs nicht. ;)

    Ich bin gespannt darauf, wenn ihr die Google Play Kennzahlen ergänzt, ob ihr dann etwas an eurer ursprünglichen Aussage zurechtrücken müsst – weil es ist auch ein hohes Risiko, dass euer CEO gegangen ist, Apple den Schwarzen Peter in die Schuhe zu schieben. Wenn er natürlich die Android-Zahlen schon kannte, vielleicht nicht. Nur das weiß ich nicht, und das stand auch nicht so in dem Beitrag, in dem er zitiert wurde.

    Grundsätzlich finde ich euer Produkt gut, mich störte nur die Aussage.

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