Kommentar: 12. Januar 2015,

Nähkästchen #2: Budgets, motivatorische Effekte und deren Folgen

Macnotes
Macnotes unter neuer Führung

Anknüpfend an das erste Nähkästchen im Dezember letzten Jahres möchte ich den Aspekt des Budgets noch etwas ausführen. Dass ich weiterhin damit beschäftigt bin, Altlasten abzubauen, ist selbstverständlich.

Als ich im Dezember das Budget von Macnotes angesprochen habe, ist mir schon beim Schreiben aufgefallen, dass dem Thema zu wenig Raum eingeräumt wird. Entsprechend fand ich, dass die Darstellung womöglich negativ interpretiert werden würde. Dies ist der Grund, warum ich das Thema im zweiten Nähkästchen ausführlicher behandeln möchte, denn ich finde: Budgets haben Vor- und Nachteile.

Budget früher

Als ich vor Jahren bei Macnotes anfing als freier Autor, gab es ein festes Budget. Der ehemalige Betreiber hatte das Budget statisch festgesetzt und in unregelmäßigen Abständen an die Umsatzsituation der Webseite angepasst. Als ich dazu kam, gab es bereits ein Team von Autoren. Seinerzeit wurde wie folgt verfahren: Wer mehr schreibt, der bekommt mehr ausgezahlt. Dabei machte Macnotes von einem eigens konstruierten WordPress-Plugin Gebrauch, das die Wortzahl in Artikeln von Autoren über einen Monat hinweg auswertete.

Also schrieb ich viel und sollte entsprechend viel aus dem Budget-Topf erhalten. Das sorgte anfangs für Unstimmigkeiten mit den restlichen freien Autoren. Denn diese hatten bislang ihr eigenes Pensum und waren damit zufrieden. Alle schrieben ungefähr gleich viel, bzw. gleich wenig. Weil ich im Schnitt jedoch deutlich mehr Worte und Texte fabrizierte, blieb für die anderen vom Budget weniger übrig als bis dahin. Der Ausweg? Selbst mehr schreiben! Für den Herausgeber hätte das bedeutet: Alle Autoren strengen sich mehr an.

Doch die Situation hatte einen Haken: Ich hatte damals erst frisch mit dem Studium begonnen und sehr viel Zeit übrig, während andere Autoren neben ihrem eigentlichen Beruf sich etwas hinzuverdienten. Sie konnten, selbst wenn sie wollten, gar nicht mehr Zeit aufwenden. Das führte für zwei, drei Monate zu Unmut in der „virtuellen“ Redaktion von Macnotes, bis sich der damalige Betreiber dazu entschied, das Budget-Modell zu den Akten zu legen und den Autoren ein anderes anzubieten: Preis pro Wort.

Vorsicht vor Kostenexplosion

Es ist klar, was unter dieser Maßgabe passieren kann und passierte. Jeder schrieb, und schrieb, und verging sich an der deutschen Sprache, indem er nutzlose Füllwörter in seine Texte integrierte, die ihm oder ihr jeweils mit 3 Cent vergütet wurden.

Das war jedoch zunächst kein Thema, weil Macnotes seit dem Verkauf durch die Gründer vor allem eine Plattform wurde, deren Reichweite dazu genutzt werden sollte, Marken zu transportieren (vgl. 3Gstore, 3Gapps, etc.) und zu keiner Zeit wirklich als journalistisches Projekt betrieben wurde; über die Jahre kam mir immer mehr Verantwortung bei Macnotes zu. Am Ende kontrollierte und lektorierte ich die Artikel der anderen Autoren und wurde nicht nur zum Chefredakteur, sondern ab einem gewissen Zeitpunkt sogar in die Finanzen von Macnotes eingeführt. Und obwohl ich gerne schreibe, und es mir nicht schwer fällt, Worte zu finden, musste ich feststellen, dass Macnotes einige Zeit wenig profitabel war, weil niemand ein Auge darauf hatte, was und wie viel überhaupt geschrieben wurde. Das änderte sich erst als der Gedanke beim ehemaligen Betreiber reifte, er wollte Macnotes verkaufen. Am einfachsten funktioniert das, wenn der neue Besitzer keinen Ballast übernehmen muss. Als dann die letzte festangestellte Mitarbeiterin Macnotes verließ, sorgte ich mit einer Reihe von freien Autoren unter meiner Leitung dafür, dass das Magazin wieder schwarze Zahlen schrieb, indem ich die Agenda änderte, die Effizienz steigerte und manchmal aus einem Review von 1500 Wörtern eines mit 800 machte.

Reviews bedeuten viel Arbeit und wenig Geld

Dem Leser tut es gut, wenn sich der Autor auf das Wesentliche konzentriert. Nur wenn ein freier Autor Stunden aufwendet, um eine Software oder Hardware auszuprobieren, muss man ihm oder ihr nicht übel nehmen, bei dem „Preis pro Wort“-Modell gerne viel zu schreiben. Testberichte sind im Online-Journalismus ein Genre, das für die AutorenInnen das schlechteste Preis-Leistungs-Verhältnis bietet.

News hingegen sind genau das Gegenteil. Das allerdings birgt ebenfalls eine Gefahr: Es ist klar, dass in Deutschland nur wenig Relevantes in Bezug auf Technologie geschieht und man auf Quellen aus dem Ausland angewiesen ist. Doch ich selbst hatte immer eine journalistische Ader, weshalb es mir missfiel, dass manche AutorInnern bei Macnotes Texte 1:1 zu übersetzen versuchten und dabei den Inhalt gar nicht verstanden. In manchen Kommentaren auf Macnotes kann man dies noch heute ablesen. Besonders heikel wurde es, wenn der Autor oder die Autorin mit der Materie selbst nur wenig vertraut war.
Immer wieder hatte ich deshalb in meiner Zeit als Chefredakteur bei Macnotes damit zu tun, freien Autoren Fragen zu stellen. Ich überprüfte Quellen, stellte Fehler fest, stellte die AutorInnen zur Rede und machte mir nicht nur Freunde, weil ich den Aufwand der Betroffenen erhöhte und sich ihr Verdienst dadurch reduzierte. Trotzdem bin ich selbst mit meiner Arbeit im Reinen und fühle mich bestätigt, wenn ein „Schüler“ von mir (wie pathetisch) sich später bei mir bedankte, weil ihm bei seinem Praktikum bei Heise bescheinigt wurde, er habe „seine Hausaufgaben gemacht“.

Budget heute

Bislang hab ich also Vor- und Nachteile von Budgets beschrieben, die vor allem mit den Individuen zusammenhängen, die an der Konstellation beteiligt sind. Wenn man kein Budget verwendet, sondern die Autoren nach Preis pro Wort bezahlt, sollte man einen Redaktionsleiter des Typs Felix Magath einstellen, der darauf achtet, dass Leistung das oberste Prinzip ist. Tut man das nicht, ist ein festes Budget vielleicht das bessere Regulativ. Nur selbst dann kann es passieren, dass die gesamt Mannschaft wenig motiviert wird.

Die Situation bei Macnotes heute hatte ich bereits im ersten Nähkästchen beschrieben. Aktuell ist Macnotes fast ausschließlich (m)eine One-Man-Show, ob mir das gefällt oder nicht. Aber Macnotes ist profitabel und ausbaufähig. Langfristig habe ich Ideen für die Weiterentwicklung. Lustigerweise spielt ein Budget darin eine Rolle. Die Aufgabe wird dann nur sein, ein Team zusammenzustellen, das unter den gegebenen Umständen möglichst viel daraus macht.



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