Kommentar: 18. Juni 2015,

Kommentar: Apple bittet Indie-Labels um 3 Monate Geduld

Apple Music
Apple Music auf dem iPhone 6

Am heutigen 18. Juni soll Apple Verträge an unabhängige Musikverlage geschickt haben, um mit ihrem Angebot an Apple Music partizipieren zu können. Nun ist das Geschrei der unabhängigen Musikverbände groß, viele Medien berichten, doch dabei könnte man als Indie viel besser drei Monate warten, und nicht den falschen Schluss ziehen. Denn ich bin der Meinung, dass es sich hierbei um ein großes Missverständnis handelt.

Eine ganze Reihe von Medien berichten heute über Reaktionen über Apples Vertragsangebot an Indie-Labels. Im Telegraph heißt es beispielsweise, dass Apple Künstler besser bezahlen würde, jedoch erst nachdem diese drei Monate lang ihre Musik kostenlos zur Verfügung gestellt hätten. Schon dieses Argument stimmt nicht mehr ganz, wenn man als Indie mit dem Aufspringen auf den Apple-Music-Zug warten würde bis September, wenn bereits Millionen zahlender Kunden für Einnahmen sorgen.

Apple bietet mindestens an, 71,5 Prozent der Umsätze an die Vertragspartner auszuzahlen. Spotify bietet lediglich 70 Prozent, Tidal im Unterschied sogar 75 Prozent.

Justin Vernon, der Kopf der Band Bon Iver, hat unlängst nach der Präsentation von Apple Music auf der WWDC-Keynote entschieden, auf Twitter Partei für Spotify zu ergreifen, wenngleich er CDs und Platten nach wie vor besser findet. Vernon formulierte in seinen Tweets, dass Apple das Unternehmen gewesen sei, dass ihm den Glauben an die Menschheit zurückgegeben hätte. Doch dies sei nun vorbei.

Eddy Cue hat hingegen vor kurzem in einem Interview mit Music Week den Gedanken formuliert, dass niemand Apple den Erfolg mehr gönnen würde als die Musik-Verlage. Wie passt das zusammen?

Marketing-Kosten abwälzen?

Richtig ist: Apple Music bietet eine dreimonatige Probezeit, in der Nutzer den Service gratis nutzen können. Apple bekommt in dieser Zeit von niemandem einen Cent, stellt jedoch die Infrastruktur zur Verfügung und zahlt den Datenverkehr, der dadurch entsteht. Doch natürlich nagt Apple nicht am Hungertuch, weshalb das kein Moment ist, an dem ich mit Apple Mitleid habe.

„Whilst we understand the logic of their proposal and their aim to introduce a subscription-only service, we struggle to see why rights owners and artists should bear this aspect of Apple’s customer acquisition costs.“
Beggars Group

Seitens der Indie-Vertreter wird das als Umlage verstanden, als Umlage der Kosten für Marketing. Denn die dreimonatige kostenlose Probephase von Apple Music ist ein Marketing-Instrument, um das Produkt Kunden schmackhaft zu machen. Bei genauerer Betrachtung ist das Argument immer nur dann zutreffend, wenn ein Indie-Musiker tatsächlich von Beginn an an Apple Music teilnimmt.
Apple hat jedoch den „Indies“ genau diese Wahl gelassen, sich zu entscheiden. Meiner Meinung nach sollten die Indies auch genau das tun, sich drei Monate Zeit lassen mit ihrer Entscheidung. Die großen kommerziellen Musik-Label hatten diese Wahl nicht, weil sie von Apple in Vertragsverhandlungen beharkt wurden, damit man Apple Music mit einem Großteil des kommerziellen Musik-Angebots starten könne; die Labels können das verkraften, genauso wie Apple.

Doch wenn man Apple das kostenlose Marketing vorwirft, muss man die Frage zulassen, ob die Teilnahme an Apple Music nicht auch Werbung für die eigene Musik ist oder zumindest sein kann? Das Argument der Musiker lautet: Wenn sie es streamen, werden sie es nicht kaufen. Das ist in meinen Augen ein Scheinargument, das vor Jahren der Industrie als solches vorgeworfen wurde. Trotz Raubkopien gibt es weiterhin Verkäufe von Computerspielen, Musik und Filmen.

Anzunehmen ist: Die Leute, die sowieso nicht vorhatten, das Album zu kaufen, werden es auch dann nicht tun, wenn sie es per Streaming angeboten bekommen. Trotzdem wird es Leute geben, die die Musiker durch den Kauf ihrer Musik unterstützen werden. Es handelt sich dabei aber um „symbolische Käufe“ – obwohl man es nicht kaufen müsste, tut man es trotzdem. Dies ist ein entscheidender Wandel in unserer Zeit, ein Grund, warum Crowdfunding überhaupt groß geworden ist, weil potenzielle Kunden bereit sind, Geld in ein Produkt oder eine Person oder Firma zu investieren. Nicht jeder, der Geld gibt, erwartet eine Gegenleistung. Allerdings neigt sich die Waage zu einer Seite und entsprechend findet die Entwicklung nicht ausgewogen statt.

Lässt Apple Musikern die Wahl?

Lässt Apple den Musikern aber wirklich die Wahl? Kein Vertreter von Indie-Verbänden hat öffentlich derzeit das Gegenteil behauptet, weder Andy Heath von UK Music, noch die VUT in ihrem offenen Brief an Apple oder die Beggars Group. Anton Newcombe hingegen ist entweder ein Whistleblower, der alle auf ein Problem hinweist, oder ein Querulant, der gerne das nimmt, was er Apple vorwirft: Gratis-Werbung.

Name: Revelation
Publisher: The Brian Jonestown Massacre
Bewertung im App Store: 0.0/5.0
Preis: 9,99 EUR

Denn Newcombe, der Sänger der Band „The Brian Jonestown Massacre“, hat heute eine ganze Tirade von Tweets veröffentlicht, die sich kritisch zu Apples Verhalten in Punkto Musik-Streaming äußern. Newcombe behauptet, Apple habe ihm gedroht, wenn er nicht mit dem Vertrag einverstanden sei, würde man seine Musik aus dem iTunes Store entfernen. Einige seiner Tweets richtete er an @Appleofficial, einen Twitter-Account, der überhaupt nicht in Verbindung mit Apple steht und das sogar öffentlich auf seinem Profil preisgibt. Möglich, dass Newcombe zynisch sein wollte, doch wenn man solche Vorwürfe erhebt, sollte man mit offenem Visier kämpfen. Vielleicht hätte er dann den „offiziellen“ Twitter-Account Apples in seinen Tweets erwähnen sollen, damit daraus eine faire Diskussion würde. Zudem hat Newcombe keine Belege für seine Behauptung beigebracht, und nur weil etwas im Internet steht, wird es dadurch nicht wahrer.

Nutzt Apple die Indies aus?

Ein weiteres Argument, das eng mit dem ersten zusammenhängt, ist der Vorwurf, Apple würde die Indies „ausnutzen“. Genau das Gegenteil ist meines Erachtens der Fall. Denn Apple hat, bevor man Apple Music startete, die Indies nicht mit an einen Tisch gebeten, und explizit betont, dass jeder die Wahl hat, ob er an Apple Music teilnimmt oder nicht. Solange ein Indie nicht an dem Musik-Streaming-Service partizipiert, ist der Vorwurf, Apple würde ihn ausnutzen, vollkommen haltlos. Denn die Entscheidung trifft der Musiker oder dessen Label selbst.

„We are naturally very concerned, especially for artists releasing new albums in the next three months, that all streaming on the new service will be unremunerated until the end of September.“
Beggars Group

Die Sache mit den 3 Monaten

In einem öffentlichen Beitrag hat beispielweise die Beggars Group, die Indie-Labels wie XL Recordings, Rough Trade, 4AD oder Matador vertritt, und damit Musiker wie Adele, Dizzee Rascal, Tidal-Mitbesitzer Jack White, M.I.A., die Queens of The Stone Age, Sigur Rós, Tanlines, The Prodigy, Tyler The Creator, Vampire Weekend und andere mehr, formuliert, dass man besorgt sei, wie es sich mit Alben verhielte, die Indies in den kommenden drei Monaten veröffentlichen würden. Einerseits gilt: Wenn ein Album im iTunes Store angeboten wird, bekommt der Künstler oder die Künstlerin weiterhin so viel Geld wie vorher. Das Album muss außerdem nicht gleichzeitig Bestandteil von Apple Music sein oder werden. Was ändert sich also für denjenigen? Zunächst einmal nichts, es sei denn, er würde sich mit dem Album an Apple Music beteiligen.

Meinem „naiven“ Verständnis dieser Sachlage nach wäre es cleverer, diese Wahlfreiheit, dieses Hintertürchen, das Apple einem lässt, zu seinen Gunsten zu nutzen. Man veröffentlicht vielleicht einen Song aus dem neuen Album über den Streaming-Service, oder Songs von alten Alben, als Anreiz, damit Leute diese kaufen, und wartet ansonsten drei Monate lang, bis Apple die Kosten für das Marketing-Instrument mithilfe der kommerziellen Labels eingespielt hat. Denn wer ab dem vierten Monat an Apple Music teilnimmt, verdient mit der Musik Geld – ungefähr so viel wie bei Spotify, Tidal und Co. eben auch. Denn ab dann zahlen die ersten Kunden Geld, das an die Teilnehmer ausgeschüttet wird.
Natürlich wird es dann bei Neukunden immer noch so sein, dass diese nicht zum Umsatz beitragen, weil sie eben die Probephase nutzen, doch diejenigen, die bis dahin schon für Apple Music zahlen, spülen Geld in die Kassen von Labels und Musikern. Also wäre, wenn Apple Music im Juni startet, der September, den schon die Beggars-Group-Vertreter erwähnen, ein günstiger Zeitpunkt für Indies, um bei dem Musik-Streaming-Service einzusteigen. Die Marketing-Zeche hätten vorher schon die großen Labels gezahlt und die Indies müssten nicht vollständig für Lau arbeiten.

Ich bitte darum, meinen Denkfehler zu korrigieren, wenn mir einer unterlaufen ist.

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