Kommentar: 23. July 2012,

Dawawas von wkw-Gründern Ohler und Jager – wird das nix?

Dawawas
Dawawas

Eine Plattform zum mehr (oder weniger) privaten Austausch von Fotos online soll Dawawas werden. Stark daran beteiligt, auch konzeptionell, sind die ehemaligen Gründer des Social Networks “Wer kennt wen”, Patrick Ohler und Fabian Jager.

Mein erster Gedanke, als ich den Mix aus Exklusivbericht und Interview mit einem der Beteiligten bei Deutsche Start-ups las, war: Fotos tauschen, online? Das kann man doch an jeder Ecke.

Auf der Suche nach Alleinstellungsmerkmalen

Das kann man tatsächlich. Fotos tauschen bzw. gemeinsam ansehen online, das tun Nutzer über Social Networks (Twitter, Facebook, Google+), das machen sie aber auch auf Single/Lifestyle-Plattformen wie bspw. Jappy. Das machen sie in (Foto-)Blogs, oder in Foto-Communities wie flickr oder fotocommunity.

Doch Ohler und Jager wollen eine “geschlossene Community” einrichten. Nicht jeder soll Zugriff auf die Fotos bekommen, sondern nur die Freunde, die es betrifft. Es gibt bei vielen der oben genannten Plattformen und bei vielen weiteren, die ich nicht aufgeführt habe, Möglichkeiten, Fotos nicht gleich jedem zu zeigen. Selbst für moderne Forensoftware gibt es Bildergalerie-Plugins und die Option, Einträge mit Passwort zu versehen. Eine geschlossene User-Group ist in meinen Augen kein Alleinstellungsmerkmal.

Die Fotos, so verspricht Ohler, sollen nie von anderen Leuten gesehen werden können, außer denjenigen, die man freigibt. Das erinnert an die vielen Cloud-Sharing-Dienste wie Box, Dropbox, iCloud (ehemals MobileMe), GoogleDrive und SkyDrive (und andere). Apple wird demnächst mit OS X Mountain Lion und iOS 6 dann dieses Prinzip sogar noch vereinfachen mit den “Shared Photo Streams”. Geteilte Bilderalben im Web mit geschlossenem Benutzerkreis sind jedenfalls absolut keine neue Erfindung.

Ähnlichkeiten

Dawawas – namentlich nicht zu verwechseln mit Dawanda – so wird auf Deutsche Start-ups hingewiesen, erinnert im Konzept demjenigen von 7Moments. Das Berliner Start-up bietet ebenfalls eine Plattform an, auf der man “Fotos gemeinsam mit Freunden in einem privaten Album sammeln” könne. Dieses befindet sich bereits in der Beta-Phase.

Optisch erinnert Dawawas an Pinterest, zumindest in der Aufteilung der einzelnen Einträge, was man so auf den Screenshots entdecken kann, und auch an Apples MobileMe bzw. dann iCloud. Bei der Hierarchie, könnte ich mir vorstellen, wird es wahrscheinlich ein wenig wie Doodle funktionieren. Auch dieses Projekt sei bereits in der geschlossenen Beta. Ein Wettlauf mit der Zeit also, welcher Service früher auf den Markt kommt?

Streitigkeiten vorprogrammiert

Das Konzept sieht vor, dass alle Teilnehmer eines Erlebnisses, die Bilder zu Gesicht bekommen sollen. Ohler schwebt vor, dass diverse Fotografen von einer Hochzeit, einem Geburtstag usf. ihre Bilder auf der Plattform zusammentragen, und diejenigen, die “dabei waren” es sich angucken können. So weit die Theorie.

Das erste Problem, das sich direkt stellt: Wer war denn alles wirklich dabei? Ich sehe Streitigkeiten vorprogrammiert, die ihren Ursprung in normalen Gruppen-Dynamiken haben und nicht kalkuliert werden können. Sagen wir ein fiktiver Tobias war auf einer Hochzeit, ein fiktiver Gregor aber nicht. Gregor ist von der fiktiven Susanne eingeladen worden, sich das Album anzusehen, aber Tobias ist das gar nicht recht. Was sich in der Form als Problem für die handelnden Personen ereignet, wird unweigerlich auf die Plattform als solche zurückschlagen. Denn ob gewollt oder nicht, und ob verursacht oder nicht, die negative Einstellung von Tobias wird seine Meinung über Dawawas beeinflussen. Je größer dieses Projekt würde, desto mehr negative Erlebnisse würden sich meiner Meinung nach ganz natürlich ergeben und desto schwieriger würde es, die Leute davon zu überzeugen.

Motivationsprobleme

Daneben wird Dawawas (oder auch 7Moments) ein riesiges Problem bekommen, ihre Nutzer zu motivieren. Fernab der eigentlichen Initiatoren – die Idee sei nach einem Skiurlaub mit Freunden entstanden – ist es nämlich ebenfalls unkalkulierbar, wie Teilnehmer eines Events sich für sich genommen verhalten. Nehmen wir einen fiktiven Hans, der sehr viele Fotos von der Hochzeit von der fiktiven Sabine geschossen hat. Hans stellt die Bilder bei Facebook ein, Leute sehen sie dort, und denken sich cool, Bilder von der Hochzeit. Hans steckt jemanden mit seinem Eifer an, der lädt die Fotos auch zu Facebook hoch. Dann sind Dawawas in dem Moment schon zwei potenzielle Bilder-Lieferanten abgesprungen. Doch der Domino-Effekt sorgt in der Situation dafür, dass auch unter den Bilder-Guckern, unter denen sich vielleicht noch Foto-Lieferanten befinden, die Lust sinken würde, noch eine weitere Plattform nutzen zu wollen.

Doch es gibt noch ein zweites Motivationsproblem, das ebenfalls den Ausgangspunkt bei Hans hat. Hans dazu zu bewegen, die Bilder auf Dawawas online zu stellen, könnte auch deshalb schwierig werden, weil Hans vielleicht gerne anderen Leuten zeigen möchte, wie gut er fotografieren kann, oder einfach auch mit anderen das Hobby teilen möchte, das sich Fotografie nennt.

In den beiden beschriebenen Situationen, aber auch weiteren, gibt es sicherlich viele Überschneidungen zwischen den Bedürfnissen Einzelner und der Gruppe. Das bedeutet nicht, dass es unmöglich sein wird für Ohler und Jager, Leute für ihr Projekt zu begeistern, die Fotos hochladen. Es bedeutet nur, dass Dawawas sehr viele Schwierigkeiten haben wird, Leute zu motivieren.

Der “entscheidende Faktor”?

Ohler gibt im Interview an, dass es vor allem darauf ankommen wird, ein Produkt zu schaffen, das von Nutzern weiterempfohlen wird. Reibungspunkte, an denen unkalkulierbare Dynamiken des Einzelnen oder der Gruppe dazu führen könnten, dass diese Hoffnung sich nicht erfüllt, habe ich oben beschrieben. Es gibt sicherlich noch weitere.

Entscheidender aber als Ohler finde ich, dass dieses Projekt, dadurch, dass es tatsächlich ein Start-up ist, und Geld verdienen will/muss, nicht nur eine breite Masse als Zielgruppe haben muss, sondern möglichst viele Teilnehmer dieser Zielgruppe wird akquirieren müssen, damit die Idee vom Start-up nicht zum Fass ohne Boden wird.

Vertrauen

Einverstanden bin ich mit Ohlers Ansicht, dass Vertrauen eine wichtige Rolle spielt und spielen wird. Nicht nur wegen der Natur der Inhalte (private Fotos), sondern rein grundsätzlich als Vertrauen gegenüber dem Internet, gegenüber einem fremden Dienstleister. Selbst die weltgrößten Konzerne mussten sich eingestehen, dass Hacker ihnen manchmal Schritte voraus sind, oder man selbst zu sorglos mit dem Thema Sicherheit umgeht. Digitalität bedeutet sich angreifbar zu machen. So ähnlich hat es ein Mitarbeiter von Kaspersky Lab aus Russland mal formuliert, als man ihn für eine Dokumentation über Stuxnet interviewte.

Fazit?

Ohler gibt an, dass man mit “Wer kennt wen” schon einmal ein Projekt monetarisiert hat und recht schnell in die Gewinnzone führte. Doch wenn man “für Privatheit” werben will – kann man dann beispielsweise überhaupt über Werbung einen Service versuchen zu refinanzieren? Insgesamt wird diese Frage leider nicht vollständig, oder besser, nur unzureichend beantwortet. Man will dem Produkt den Feinschliff verpassen, damit eine relevante Reichweite erzielen und hat dann den Schlüssel für ein tragfähiges Geschäftsmodell, meint Ohler.

So, wie ich glaube, dass man manchen psychologischen Faktor bei der Verwendung der Plattform außer Acht gelassen hat, erscheint mir manches an dem Konzept für Dawawas auch recht theoretisch, oblgeich natürlich schon ein Projekt vorhanden ist. Meiner Meinung nach wird Dawawas Zeit “und” Geld benötigen, um überhaupt ansatzweise erfolgreich zu sein. Und es wird sehr viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit den “Kunden” geben müssen. Das Motivationsproblem schwebt über allem wie das Schwert des Damokles, und sogar nicht nur aus den vorher erwähnten Gründen, sondern auch wegen der möglichen Frage, die sich die Nutzer stellen werden: Dawawas? Ich bin doch aber schon bei Facebook, Twitter, YouTube, Google+, Jappy, WkW, und Co. angemeldet, wieso soll ich mich noch woanders “einschreiben”.



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